Kultur : Ivan Nagel: Moses-Mendelssohn-Preis für den Theatermann (Kommentar)

Rüdiger Schaper

Preisverleihungen sind Routine im Kulturbetrieb. Zum Ritual gehört die Lobrede, das Dankeswort, die musikalische Untermalung. Das Arrangement changiert meist zwischen Geburtstagsfest und Begräbnisfeier. Es hat etwas Endgültig-Unwiederbringliches, wenn ein Mensch seiner Verdienste gerühmt wird: Für künftige gute Werke gibt es keine Kränze. Wenn Ivan Nagel öffentlich das Wort ergreift, darf man sich vor Phrasen und Seifenblasen sicher wähnen. Der Theatermann erhielt am Mittwochabend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aus der Hand von Kultursenator Christoph Stölzl den Moses-Mendelssohn-Preis 2000 des Landes Berlin. Dotiert mit 20 000 Mark, wird diese Auszeichnung zur Förderung der Toleranz zwischen den Völkern, Rassen und Religionen verliehen. Wie erweist man sich dessen würdig, preiswürdig? Ivan Nagel errang den Preis mit seiner Dankrede noch einmal. Nagels Worte über die kranke deutsche Demokratie und ein sich selbst gleichgültiges, ideenloses Europa, über die Rattenhaftigkeit des Menschen und die Schwierigkeit, Toleranz zu formulieren, waren von mitreißender Kraft. Es lässt sich nur andeuten: Wie der Mendelssohn-Preisträger gegen "volksverdummende Politiker" focht, die Koch oder Kohl oder Stoiber oder auch Schily heißen. Wie er die fürchterlichen Konsequenzen einer weit verbreiteten ambivalent-populistischen Haltung gegenüber rechtsextremen Trieben beschrieb. Ein Preis für Toleranz: Nagels bald siebzigjähriges Leben wurde früh geprägt von der Erfahrung extremer Intoleranz. Toleranz heißt: "Ich darf ich sein". Als jüdischer Junge in Ungarn, der sich vor den Nationalsozialisten verstecken muss, als Abkömmling des Bürgertums im kommunistischen ungarischen Staat, dem das Studium verwehrt wird, als Student in der Bundesrepublik, der nur dank der Intervention seines Lehrers Adorno vor der Ausweisung bewahrt wird. Und der sich kurz darauf vor einem deutschen Gericht aus der Anklage wegen des menschenverachtenden Paragraphen 175 herauslügen muss. Nagel, der von sich sagt, er sei kein Optimist, zitiert den Philosophen Lichtenberg aus dem 18. Jahrhundert: "Vielleicht heißen unsere Zeiten noch einmal die finsteren". Toleranz heißt: reden, nicht Reden schwingen.

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