Kultur : Iwans Kindheit

Russlands Bild in Europa: eine Tagung auf Schloss Genshagen

Juliane Schäuble

Die Angst geht um. Der russische Bär ist erwacht und greift – mal wieder – nach Europa. Manche Klischees scheinen einfach zu schön, als dass sie jemals überholt wären. Dass „die Russen kommen“, ist so eines, oder wie ein Nachrichtenmagazin vergangene Woche titelte: „Die Russen sind da.“ Das zieht, und jeder weiß sofort, was gemeint ist. Ein Feindbild, das jederzeit aktivierbar ist. Mysteriöse Giftanschläge, die Ermordung der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja, der schwelende Gasstreit und nun auch noch Übernahmespekulationen von ehemals deutschen Staatsbetrieben durch russische Oligarchen – es gibt wenig, was man diesem „weiten, wilden Land“ nicht zutraut. Solche tief verwurzelten Russlandbilder waren nun Thema einer Tagung des „Berlin-Brandenburgischen Instituts für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa“ in Genshagen.

Hinter dem Misstrauen steht die immerwährende Frage nach Russlands Identität. Ist es ein Teil Europas oder nicht? Zar Peter der Große, der mit seinen Reformen das Fenster zu Europa öffnete, habe den Keim für die Zerrissenheit Russlands gelegt, sagte der Schriftsteller Konstantin Asadowski. „Die meisten Widersprüche wurzeln in den Petrinischen Reformen.“ Der Zar verbot das Tragen von Bärten, ersetzte den traditionellen Kaftan durch europäisch-westliche Kleidung und sprach am liebsten Französisch. So spaltete er das Land: Gebildete Russen bemühten sich fortan, gute Europäer zu sein, das „einfache Volk“, Millionen von Menschen, murrte über die Reformen. „Die ungeheure soziale Spaltung wurde noch vertieft durch Kultur und Sitten, durch Sprache und Kleidung“, so Asadowski.

Der Versuch, Russland zu retten und wieder zu einen, kam rund 100 Jahre später – mit der Entwicklung des Nationalismus Anfang des 19. Jahrhunderts, der das Land im Gegensatz zu Europa definierte. Ein Großteil der Bevölkerung sah sich seitdem vor allem als „Russen“. Peter Tschaadajew war der erste russische Denker, der in seinem „Philosophischen Brief“ von 1836 die „in der Welt vereinsamten“ Russen zur Entwicklung eines Nationalbewusstseins aufrief. Putin-Gläubige gegen liberale, westlich orientierte Oppositionelle – also nicht mehr als das alte Ringen zwischen slawophilen Patrioten und Westlern auf dem „Weg des unendlichen Suchens“ nach seinem Platz in der Weltordnung, wie die Historikerin Jutta Scherrer es nennt? „Der Mythos der Vergangenheit hat seine Anziehungskraft nicht verloren“, so Asadowski. Ein starkes Russland, davon träumt nicht nur Wladimir Putin. Schon Michail Gorbatschows „neues Denken“, so Scherrer, sei nur die alte russische Idee gewesen.

Die Schwierigkeit besteht in der Frage des richtigen Umgangs mit einem Land, das gleichzeitig nach Größe, Einfluss und Anerkennung strebt. Soll man einen wichtigen Partner umwerben, wie Gerhard Schröder es tat mit seinem Lob von Putin als einem „lupenreinen Demokraten“? Oder muss man nicht vielmehr dessen demokratische und rechtsstaatliche Defizite anprangern? Dass die westlichen Medien Letzteres „so schonungslos, so rücksichtslos wie nie zuvor“ täten, kritisierte der Moskauer Politologe Pjotr Fedosow. Er verwies auf die große Zustimmung zur Politik und Person des Präsidenten. „75 Prozent der Bevölkerung sind mit Putin zufrieden.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit gebe es eine positive Dynamik in Russland, den Menschen gehe es besser. Daher würde Putin auch mit der freiesten Presse und dem fairsten Wahlsystem jede Wahl gewinnen. Ausgerechnet in diese Phase falle die aggressive Berichterstattung. Fedosows Erklärungsversuch: enttäuschte Hoffnungen im Westen oder auch nur Angst vor einem starken Russland.

„Der Ton ist schärfer geworden“, gab der Moskauer Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, Daniel Brössler, zu. Aber das liege an der großen Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung der russischen Regierung und dem, was Journalisten vor Ort fänden. Und der ehemalige Botschafter Gunter Pleuger ergänzte: „An ein Russland, das sich zu Europa bekennt, werden andere Maßstäbe angelegt.“ Da das Land heute ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor sei, werde eben auch kritisch Bericht erstattet. Angst vor einem zu starken Russland sah er nicht als Motiv.

Dass Russland dennoch „Angst mache“, bekannte die Moskauer „Le-Monde“- Korrespondentin Marie Jégo. Sie sei betroffen durch die Morde an ihrer Kollegin Politkowskaja und dem zweiten Mann der russischen Zentralbank, Andrej Koslow. „Was wäre bei uns los, wenn Trichet oder Greenspan ermordet würden?“ Auch würden politische Rechte immer weiter eingeschränkt, die Korruption wachse rasant und die Selbstzensur greife wieder um sich. „Ich bin perplex: Wo ist die große russische Kultur geblieben, wo die Intelligenz?“ Wenn man Russland wirklich respektiere, sollte man dort westliche Werte einfordern.

Vielleicht erklärte der polnische Politikwissenschaftler Andrzej de Lazari die ambivalenten Gefühle gegenüber dem östlichen Nachbarn am besten: „Wir sehen zwei Russlands, seinen Staat und seine Kultur. Gäbe es keinen Staat, Russland wäre sehr beliebt.“

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