Kultur : Ja, damals

CHRISTINA TILMANN

Jung sein, was heißt das? Heißt es, die Platten der Eltern zu hören (und sie nur manchmal zu zerbrechen, mit schlechtem Gewissen)? Heißt es, mit Klassikern zu schmeißen ("Scheiß Goethe, Scheiß Schiller") und sie danach ordentlich wieder einzuräumen? Oder, es mit der Freundin im Bett der Eltern treiben, doch zuvor sorgfältig ein Handtuch unterzulegen? Dann sind sie jung, jene Charly und Birgit, Joe und Monika, die sich in Wolfgang Bauers Einakter "Magic Afternoon" einen langweiligen Samstagnachmittag in einer österreichischen Kleinstadt um die Ohren schlagen.Etwa so jung wie meine Eltern.

Die Darsteller jener vier Freunde am Berliner Schloßpark-Theater sind es nicht.Sie tun nur so.Indem sie, wie Alexander Pschill als Charly, in Dauer-Tarzan-Pose herumstolzieren mit Daumen im Gürtel und stolzgeschwellter Muskelbrust - fehlt nur der Urschrei.Indem sie wie Holger Daemgen als Joe einen Hasch-Rausch mimen mit Dauergekicher.Dem Partner wie Brit Gdanietz als Monika keß ein Kondom vor die Nase knallen.Oder, wie Sabine Grabis als Birgit, in Unterwäsche auf dem Sofa tanzen.Sich - die Männer - verbrüdern im kindischen Spiel als Indianer, Piloten oder Stierkämpfer.Oder - die Frauen - zurückziehen in hysterische Weinkrämpfe, wenn aus dem vermeintlich groben Sex urplötzlich blutiger Ernst wird.

Wolfgang Bauers Erstling wollte damals, 1968, das Lebensgefühl einer Generation einfangen, die lauter böse Dinge tat: kiffen, saufen, abhängen, vögeln ohne Kondom und Ehe, und die zerstörend zuschlug - aus Langeweile.Das zumindest ist geblieben, wenn Heribert Sasse nun im Schloßpark-Theater den Faden wieder aufnimmt.Langeweile: Denn jene zwei Nachmittagsstunden Realzeit, die schwül, ja heiß sein wollen und frösteln machen, sind langweilig.Obwohl so einiges passiert - man liebt sich, man schlägt sich, man bringt sich um - passiert doch eigentlich gar nichts: in uns.Kein Wunder, daß in Ermangelung einer Uhr nur die Telefonansage den Ton angibt.Die Zeit steht still, im Stück, am Stück und um das Stück herum.Und so kommt es, daß ein Theater, das in der Stückwahl so aktuell wie möglich sein möchte, gerade deshalb besonders antiquiert wirkt.Schnee von vor dreißig Jahren.

Mag sein, daß Heribert Sasse sich in liebevoller Textauslegung sehnsüchtig jener Zeiten erinnert, da er, 1969, den Charly gab in Bauers Berliner Erstinszenierung an der Freien Volksbühne.Gerade deshalb aber, weil Bauer sozialrealistisch sein möchte in seinen kunstlosen Dialogen, jenen Banalitäten, Plattheiten, dem reinen Nichts des Textes, genügen Nostalgie und einige behutsame Modernisierungen mit aktuellen Filmzitaten nicht.Bauer schrieb mit Zorn und Verzweiflung im Herzen, gegen die Enge von Zeit (60er Jahre) und Raum (Österreich).Wenn überhaupt, so müßte da ein anderes Stück gespielt werden, über verlorene Jugend, hier und heute in Berlin.Die Jugend, die Sasse und Bauer denunzieren - die gibt es nicht.

Wieder heute und 23.bis 25.März, 20 Uhr

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