Kultur : Ja, die Liebe kann das!

Theater für eine offene Stadt: Wie Anna Langhoff die Berliner Tribüne aus der Krise führen will

Patrick Wildermann

Ein neuer Wind soll wehen, und das bemerkt man schon an der Eingangstür. Wo zuvor ein Plakat ein umständliches Quasi-Hausverbot an die Nachbarn der Scientology-Sekte auszusprechen versuchte, da prangt jetzt: „Scientology? Nein Danke.“ Anna Langhoff, die seit Januar offiziell die Geschicke des Privattheaters Tribüne am Ernst-Reuter-Platz leitet, findet auch, dass die Missionierungsversuche der Erleuchteten von nebenan extrem nervig sein können. Aber die Tür weisen will sie niemandem, das sei ihr zu albern. Und Regisseur Alexej Schipenko, der die ersten beiden Premieren verantwortet, ergänzt: „Mein Traum ist eine Inszenierung mit Tom Cruise.“ Die entscheidende Frage ist aber sowieso nicht, wer nicht in die Tribüne kommen soll. Sondern: Wer kommt? Das Haus hat seit Jahren ein Imageproblem, und die neue Leiterin wird die gesamte Theatererfahrung benötigen, um die Bühne auf Kurs zu bringen.

Anna Langhoff, Tochter des Regisseurs Matthias Langhoff, hat die Volksbühne der Besson-Ära erlebt und mit 14 Jahren angefangen, selbst für die Bühne zu arbeiten: „Es ist der Ort, den ich besser kenne als die Wohnung meiner Eltern.“ Sie ist Dramatikerin und Regisseurin, hat in Frankreich inszeniert, in Kasachstan und Afrika. Als einen „Riesenversuch“ sieht sie die Aufgabe, die ihr von den Geschäftsführern der Tribüne angetragen wurde, Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen.

Das Haus hat nicht viel Geld. Derzeit erhält die Tribüne 600 000 Euro jährlich vom Senat. Für 2008 ist der Etat gesichert, ob auch für 2009, entscheidet sich in diesen Tagen. Und natürlich ist die künstlerische Leiterin bemüht, die Finanzknappheit auch als Chance zu sehen: „Man kann wunderschöne Bühnenbilder machen, nur mit Licht.“ Überhaupt klingen ihre Vorhaben geerdet. Langhoff tritt mit dem von Schipenko gegründeten Künstlerkollektiv „Berlin United Theater“ an, zu dem Musiker, Regisseure Bühnenbildner und Schauspieler wie David Bennet gehören. Es ist eine im Wachstum begriffene Gruppe, die, so wünscht es sich Langhoff, als „virtuelle Theaterfamilie“ funktioniert, aus der sich Mitglieder für Produktionen zusammenfinden. Und es ist eine multikulturelle Gruppe. „Wir arbeiten schon lange mit Menschen aus verschiedenen Ländern“, so Langhoff, „und diese Realität gehört auf die Bühne. Wir behandeln nicht ‚Migrantenthemen‘, wir sind einfach international.“

„Love – die schönste Geschichte“ heißt der Text, den Alexej Schipenko nun zum Start über Inês de Castro verfasst hat: ihres Zeichens adelige Geliebte des portugiesischen Prinzen Pedro I., ermordet von den Häschern des Königs, schließlich vom gekrönten Pedro exhumiert und auf den Thron Portugals gesetzt. Es ist eine vielversprechende Auftaktinszenierung. Die Bühne von Samuel Hof, auf der sich nur Klavier und Badewanne befinden, ist bis zur Brandmauer aufgerissen, immer wieder fliegen die Türen auf, auch hier soll frischer Wind wehen. Schipenko erzählt den Mythos als Gespenstersonate, reduziert, konzentriert und poesievoll. Die Aufführung nimmt sich ihre eigene Zeit und findet immer wieder grandiose Bilder, ein starkes Ensemble findet sich hier zum Totentanz ein. Allerdings ist während der Premiere auch spürbar, wie das Publikum mit dem unbekannten Stil fremdelt. Klar, dass Anna Langhoff sich wünscht, mit der Tribüne in der ganzen Stadt präsent zu sein. Aber sie weiß auch, dass ihre ersten Adressaten in Charlottenburg wohnen, dass es das Kiez-Publikum zurückzuerobern gilt. Viel Glück!

„Love“: wieder ab heute bis 26. Januar

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