Kultur : Ja doch: Liebe

Comeback mit 34: Richard Ashcroft präsentiert in Berlin sein neues Album „Keys To The World“

Christian Schröder

Alle Jahre wieder bringt der britische Pop den Phänotyp des spillerigen Erlösers hervor. David Bowie war so einer, der, als die Musik immer sahniger wurde, dünn und blass von Ziggy Stardust sang, dem Sternen-Reisenden. Bald darauf, die Ära des Großrock hatte ihren Zenit erreicht, begann ein Wicht namens Johnny Rotten mit den Sex Pistols Anarchie und die Schönheit der drei Akkorde zu predigen. Auch Mark E. Smith, Jarvis Cocker, zuletzt Neil Hannon von The Divine Comedy: genialische Hungerhaken.

Richard Ashcroft betritt die Bühne des Berliner Frannz Club mit Akustikgitarre. Eine Sonnenbrille verdeckt die Augen, unter dem Kapuzensweater ist sein sehniger Hals zu erkennen. Er singt „On Your Own“, einen zehn Jahre alten Song seiner Band The Verve. Seine Stimme, die an den jungen Neil Diamond erinnert, vibriert dunkel. Es ist ein berückend schöner Lebensbilanzblues, ein Seelenstriptease. „All I want is someone who can fill the hole in the life I know / In between life and death when there’s nothing left.“ Jeder lebt, jeder stirbt für sich allein. Aber Liebe ist trotzdem die Rettung. Ein großartiger Moment.

Ashcroft ist erst 34 und schon ein Altstar. The Verve waren 1996/1997 für einen kurzen Augenblick die aufregendste Band der Welt. Ihr drittes Album „Urban Hymns“, ein Meilenstein des elegisch schwelgenden Streichergitarrenpop, stieg zu einer der meistverkauften englischen Platten aller Zeiten auf. Im Video zur Hitsingle „Bittersweet Symphony“ rempelte sich Ashcroft den Weg durch London frei. Er schien ein kommender Superstar zu sein, der nächste Lennon. Was folgte, waren Drogen-Abstürze, das Ende von Britpop und The Verve und der Beginn einer kommerziell eher enttäuschenden Solokarriere. Sein letztes Album „Human Conditions“ erschien im Jahr 2001 bei einem Independent-Label, danach verschwand der Sänger in der Versenkung.

Jetzt ist Ashcroft zurück, es soll das Pop-Comeback des Jahres werden. Beim Live-Aid-Konzert in London war er vom Coldplay-Kollegen Chris Martin enthusiastisch als „größter Sänger der Welt“ angekündigt worden. Anschließend ging Ashcroft mit Robbie Williams auf Tournee, er hat jetzt wieder einen Plattenvertrag mit einem Major-Label. „Ich folge den Dylans, Neil Youngs und Van Morrisons“, sagte er in einem Interview. „Die haben immer wieder künstlerische Umwege gemacht, mit denen sie ihre Fans verblüfften.“ Ashcrofts neues Album „Keys To The World“ (EMI) kommt am Freitag heraus, es verblüfft zumindest ein bisschen. Wieder überwiegen die Weltschmerz-Schunkler und Midtempo-Hymnen, aber es gibt auch zackige Bläsersätze, countryeske Bottleneck-Gitarren-Einlagen und mit „Music Is The Power“ und „Break The Night With Power“ zwei potenzielle Charts-Kracher.

„You’re slave to the money then you die.“ Bündiger konnte auch Marx den Kapitalismus nicht kritisieren. Für Ashcroft hat der Refrain von „Bittersweet Symphony“ einen bitteren Hintersinn. Weil sein Song auf dem Sample einer Streicherversion von „The Last Time“ basiert, musste er die gesamten Tantiemen an einen ehemaligen Manager der Rolling Stones abtreten. Im Frannz Club geht er auf die Knie, als das Playback-Intro einsetzt, und ruft immer wieder „International Law“. Oder meint er „International Known“? Beides würde passen. Ashcroft greift sich ans Herz, reckt das Mikrofon zur Decke. Die Zuschauer jubeln, singen mit. Ja doch: Liebe. Der Auftritt ist ein so genannter „Showcase“, alle 400 Eintrittskarten wurden von einem Radiosender vergeben. Ein Konzert wie im Wohnzimmer. Am Ende, nach 70 Minuten, hat die vierköpfige Begleitband die Bühne schon geräumt. Ashcroft kommt noch einmal zurück, um auf der Akustikgitarre „The Drugs Don’t Work“ zu spielen, seinen zweitgrößten Hit. Er hat die Sonnenbrille abgenommen, er lächelt.

Radio Eins wird voraussichtlich am Sonntag ab 19 Uhr einen Mitschnitt des Konzertes senden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar