Ja, Panik : Der unsichtbare Aufstand

Champagnerrevoluzzer aus Österreich: Die Band Ja, Panik provoziert und amüsiert. Ein Treffen mit Sänger Andreas Spechtl.

Jochen Overbeck
Kapitalismuskritiker. Musiker Andreas Spechtl in Kreuzberg.
Kapitalismuskritiker. Musiker Andreas Spechtl in Kreuzberg.Foto: David von Becker

An einem stürmischen Aprilabend stehen vier Fünftel von Ja, Panik auf der kleinen Bühne des Südblocks, gleich neben der U-Bahnstation Kottbusser Tor. Die Berliner Sängerin Christiane Rösinger hat zu ihrer monatlichen „Flittchenbar“ geladen. Und Andreas Spechtl singt mit seinen Kollegen unter dem Namen European Rich Kids Wiener Lieder. Es sind alte, morbide und oft genug obszöne Weisen, die die Band etwas windschief in den Neubau hinein intoniert. Später dichten Spechtl und Rösinger noch ihren Song „Berlin“ auf die österreichische Hauptstadt um, anschließend laufen Austropop-Hits.

Es ist ein schöner Abend. Einer, an dem viele Biere getrunken und Zigaretten geraucht werden und der etwas verrät, was man nach einer Begegnung mit Ja, Panik schon ahnt: Humor spielt in der österreichischen Band, die sich 2005 gründete und vor gut zwei Jahren aus Wien nach Berlin emigrierte, eine große Rolle. Er ist das Gegengewicht zu jener Gedankenschwere, die seit jeher in die Band hineinprojiziert wird.

Ein paar Tage vorher: Andreas Spechtl und Stefan Pabst, Bassist der Gruppe, sitzen vor einer Gastwirtschaft in Kreuzberg, um über ihr neues Album zu sprechen. Das trägt den kryptischen Titel „DMD KIU LIDT“ und ist ein knapp 74-minütiges Monster. Andreas Spechtl, der seit jeher eine ausgeprägte Freude am englischen Slogan und dessen Einbettung in seine Texte besaß, hat diesmal jede Rücksicht auf sprachliche Codes aufgegeben. Er mischt Deutsch und Englisch wilder denn je. Dabei pflegt er sehr bewusst den Zungenschlag seiner Heimat. Wie Nico von Velvet Underground, sagt der 27-Jährige. „Ich kann es nicht leiden, wenn eine Band aus Hamburg oder München sich Cockney- Englisch oder Amerikanisch anzüchtet. Mit Akzent wirkt es kosmopolitisch, international. Wie eine neue Variante des Esperanto.“

„Sorry for my bad English, but my German is even worse“, heißt es einmal. Die Zeile, so sagt Spechtl, sei programmatisch für die Platte. Gleichzeitig ist sie eine augenzwinkernde Rechtfertigung für eine gute Tradition im österreichischen Pop. Denn auch bei Protagonisten des Austropops, etwa der Ersten Allgemeinen Verunsicherung oder bei Falco, aber auch bei jüngeren Künstlern wie der Chanteuse Gustav, ist der Wechsel zwischen den Sprachen nachzuhören. Sie alle haben keine Angst, affektiert zu klingen. Die Erklärung von Ja, Panik ist einfach: „Wir haben in Österreich keine Hochsprache per se. Auch das Hochdeutsche ist fremd für uns. Insofern ist der Schritt ins Englische vielleicht kleiner als in Deutschland.“

Bei den Vorgängeralben „The Taste And The Money“ (2007) und „The Angst And The Money“ (2009) wurde die Band Objekt umfänglicher Interpretationen, veröffentlichten sie doch zu „The Angst And The Money“ ein – etwas verschwurbeltes – Manifest. Die Musikpresse legte Ja, Panik im Diskurspop-Ordner ab, Spechtls Worte wurden exzessiv auf ihre Bedeutung hin abgeklopft. „Es ist natürlich eine Ehre, wenn sich die Leute intensiv mit dem beschäftigen, was wir sagen. Aber es war für uns auch ein Problem, nur über die Texte wahrgenommen zu werden. Manchmal dachte man: Wir schreiben doch keine Bücher. Wir nehmen Platten auf. Wir hatten ein bisschen den Eindruck: Jetzt muss die Musik da nachziehen.“

Ja, Panik entschieden sich diesmal für einen neue Herangehensweise an das Album. Wo sie früher Fragmente aneinanderfügten, wo sie flott schichteten und Spechtl am Ende einen Text schrieb und zitatreicher, eingängiger Rock entstand, begann diesmal alles mit Songs, die anschließend auf ihre Essenz heruntergebrochen und zu großen Teilen live im Studio des Produzenten Moses Schneider aufgenommen wurden. Bezugspunkte: Bryan Ferry, Velvet Underground und Bob Dylan. Ja, Panik sind in der Zeitlosigkeit angekommen, die Plattitüde von der Band, die sich in keine Schublade stecken lässt, stimmt plötzlich. Dabei besitzt die Platte ein eigenartiges, aber durchaus reizvolles Ungleichgewicht. Nach einer knappen Stunde wunderbar verwirrender Popmusik schließt der Titelsong das Album ab. Es ist ein viertelstündiger, taumelnder Parforceritt.

Das Persönliche, mit dem der Song beginnt, wird dabei immer größer und wechselt irgendwann in eine irritierende Revolutionsromantik: „Von mir aus sollen sie Bomben hintragen zu der grausigen Bagage. Ich werd’ nicht daran denken, eine Träne zu zerdrücken. Nicht für Angela und ganz sicher nicht für Nicolas. Ich werde eher in den Knast Bonbonnieren schicken“, heißt es da.

Deftige Zeilen für einen, der eigentlich über die Musik wahrgenommen werden möchte, und natürlich sind sie auch Ausdruck jenes „Champagnerrevoluzzertums“, das Spechtl an anderer Stelle selbst anprangert. „Ich mache mich damit verletzlich“, sagt er und spricht von einer Aufarbeitung der Ja-Panik-Geschichte, die einfach ein Bedürfnis gewesen sei, und davon, mit diesen Worten auf die französische Gruppe „Das unsichtbare Komitee“ und deren anarchokommunistisches Manifest „Der kommende Aufstand“ Bezug zu nehmen.

Sampling sozusagen, das Spechtl verteidigt. „Es ist eine alte Lüge, dass man jeder Idee einen Ursprung zuordnen kann. Niemand denkt etwas von null an. Wo würden wir denn bitte stehen, wenn man nicht irgendwo anknüpfen würde.“ Ein Grundmoment des situationistischen Gedankens, den Ja, Panik an anderer Stelle geschickt in Unterhaltung übersetzen. So war etwa das Video zur Single „Pardon“ eine Beinahe-Coverversion des Clips „Lass uns Liebe sein“ von Jochen Distelmeyer. Und für den österreichischen Radiosender FM4 schrieb Spechtl als Vorbereitung auf das Album zitat- und geistreiche Essays über das „Überleben in der Metropole“.

Bleibt die Frage nach dem Albumtitel, der im Internet eifrig diskutiert wurde. Die einen sagten, Ja, Panik hätten sich endgültig von jeder Sprache entfernt, würden nur noch in Kunstbegriffen sprechen. Andere vermuteten hinter den ungewöhnlich erscheinenden Worten die Anfangsbuchstaben aller Songs.

Die Lösung: „DMD KIU LIDT“ ist die Abkürzung für „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ Mit ihrem Humor kreieren Ja, Panik auch hierzu ein schönes Gegengewicht.

„DMD KIU LIDT“ ist bei Staatsakt erschienen. Konzert: 9.5., 20 Uhr im HAU 1

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