Kultur : Jacobien Vlasman: Wenn alle Sonntage so melancholisch wären

Gregor Dotzauer

Um die Sache abzukürzen, könnte man ganz einfach sagen: Jacobien Vlasman ist die beste Jazzsängerin der Stadt, und wer das noch nicht wissen sollte, kann sich davon heute abend um 22 Uhr im Quasimodo überzeugen. Punkt. Kommt aber aus mehreren Gründen nicht in Frage. Erstens wären mindestens fünf andere Sängerinnen beleidigt. Zweitens hätten sie sogar insofern Recht, als ihre in Amsterdam geborene Kollegin mit ihrem oft wortlosen Gesang ziemlich allein auf weiter Flur ist - wenn man von dem Stimmakrobaten Michael Schiefel absieht, bei dem sie auch gelernt hat. Und drittens sollte man sie davor bewahren, das Lob gleich wieder als Einschränkung zu verstehen, gerade jetzt, wo es endlich auch außerhalb Berlins einen Beweis gibt, dass sie nach jahrelangem Tingeln durch die Clubs und Bars der Stadt wirklich existiert und nicht nur ein paar hingerissene Leute eine Erscheinung hatten: Jacobien Vlasmans erste CD "Infant Eyes" ist da.

Lieder ohne Worte. Silben- und Vokalverschlingungen, die den Strom ihrer Altstimme unterbrechen. Scatschnipsel, perkussives Konfetti und Kantilenen. Geplapper, Gehechel und Geseufze, Jauchzen und Verdüsterung: Jacobien Vlasman, Jahrgang 1969, beherrscht das ganze Esperanto des zeitgenössischen Jazzgesangs, immer dorthin unterwegs, wo Musik nur noch Musik ist und nicht mehr Metapher oder Mimikry. Auch der seltsame Widerspruch ist aufgehoben, dass einerseits selbst von schwergewichtigen Instrumenten wie dem Kontrabass behauptet werden kann, er fange unter den richtigen Händen zu singen an, während andererseits Stimmkünstler wie Maria João, die jüngst verstorbene Jeanne Lee oder Jay Clayton, deren Workshops Jacobien Vlasman besucht hat, das Ideal des Singens schon wieder ins Reich des Instrumentalen zurückspiegeln.

Das Album "Infant Eyes", dem seinen Namen eine elegische Komposition von Wayne Shorter gegeben hat, ist ein Produkt des Jacobien Vlasman Quartetts mit Johannes Gunkel am Bass und Rainer Winch am Schlagzeug. Doch auf der Hälfte der zwölf Titel ist sie im Duo mit ihrem Gitarristen Kai Brückner zu hören: in so wunderbaren Stücken wie Randy Westons aufgekratztem "Little Niles" oder Dave Mans "The Wee Small Hours", einer Ballade, die Vlasman und Brückner so unverstellt zeigt wie keine Aufnahme sonst. Nichts als Kai Brückners akustische steelstring, über die leise das Plektrum schrappt, und Jacobien Vlasmans das Thema nach der ersten Vorstellung sanft umwebende Solo.

Freddie Hubbards "Povo", ein Instrumental, ist da trotz der Zwiesprache mit insgesamt drei übereinander gelegten Gitarren schon opulenter arrangiert: mit einer akustischen, die das harmonische und rhythmische Gerüst liefert, einer im mattierten Jazzton davonsegelnden elektrischen Sologitarre, und einer, die atmosphärische Zieh- und Zerrsounds beisteuert. Der Berliner Saxophonist Felix Wahnschaffe hat zwei Stücke beigesteuert. Sie fügen sich so mühelos ins Idiom eines gegenüber allen Stilen vom Bossa Nova bis zum Postbop auf- und abgeklärten Jazz ein wie Jacobien Vlasmans Eigenkompositionen "Melancholischer Sonntag" und "Der Tolpatsch" - eine Melodie, die sich, passend zum Titel, ächzend ausdehnen will und dabei nur unter Schmerzen zum Gesang aufrichtet.

In den Liner Notes bestätigt Maria João ihrer Schülerin, dass dies hier "keine Fahrstuhlmusik ist, dass wir mit unserem Herzen und Verstand zuhören müssen, wenn wir unser Vergnügen mit den Geschichten haben wollen, die sie erzählt". Was es aber ist, das einen bei Jacobien Vlasman sofort aufhorchen lässt, erklärt sie nicht. Sicher lässt es sich auch nicht isoliert benennen. Denn mehr als jede Qualität, die ihre Stimme hat, zählt die Freiheit, die sie sich im Umgang mit den Stücken nimmt. Die Freiheit, ein musikalisches Thema von allen Seiten betrachten zu können und es dann so zu nehmen, dass es einen Augenblick lang zwingend wirkt. Und die Freiheit, die sich jeder innerhalb seiner Grenzen nimmt, die eigenen Klischees jedesmal aufs neue zu überwinden. Es kann gut sein, dass diese Freiheit nur in der Musik existiert. Aber sie vermittelt eine Idee davon, dass man sie auch sonst manchmal ganz gut gebrauchen könnte. Schon deshalb ist Jacobien Vlasman eine großartige Sängerin.

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