• Jacques Derrida: Aufklärer des 20. Jahrhunderts, Enfant Terrible, Grenzgänger für immer: zum 70. Geburtstag des französischen Philosophen

Kultur : Jacques Derrida: Aufklärer des 20. Jahrhunderts, Enfant Terrible, Grenzgänger für immer: zum 70. Geburtstag des französischen Philosophen

Klaus Englert

Jacques Derrida ist ein Grenzgänger der philosophischen Zunft, ein enfant terrible der Wissenschaften, vor allem der sich akademisch gebärdenden Philosophie. Konnte es ein Zufall sein, dass ihm die ehrwürdige Universität Cambridge vor einigen Jahren den Ehrendoktorhut verweigern wollte? Und wen kann es ernsthaft überraschen, dass die ehemalige Vorsitzende der American Philosphical Association beim französischen Wissenschaftsministerium protestierte, weil Derrida während der Ära des französischen Staatspräsidenten Mitterrand in unmittelbarer Nachbarschaft der Sorbonne ein staatsunabhängiges Philosphie-Institut gründete - das Collège International de Philosophie.

Dabei wollte Derrida, der heute 70 Jahre alt wird, mit der Gründung des Collège nichts anderes als die konsequente Fortsetzung seines Denkens mit anderen Mitteln erreichen. Er kritisierte die Starre und soziale Abgeschlossenheit der traditionellen Universität, er lehnte sich auf gegen ihre institutionelle Verhärtung und Hierarchie, aber auch gegen pädagogischen Normen. In "Du droit à la philosophie", einem Buch, das in Deutschland leider nur in Auszügen erschien, charakterisierte Derrida "den anderen philosophischen Stil", den er im Collège praktiziert. Auf größtmögliche Offenheit in der Gestaltung der Lehrveranstaltungen und Projekte kommt es ihm an. Entsprechend sollte die traditionelle Abschottung der einzelnen Wissenschaften durchbrochen und neue Formen der Interdisziplinarität erprobt werden. "Freiheit, Beweglichkeit, Erfindungsgeist, Vielfalt - so werden die neuen philosophischen Fachrichtungen aussehen." Dies war das Credo, das Derrida dem Programm des Collège voranstellte.

Das Collège ist für Derrida und seine Mitarbeiter seit seiner Gründung ein Experiment demokratischen Verhaltens. Ein Experiment, verstanden als philosophische Praxis, die unablässig die gegenwärtige Demokratie befragt und ihre Institutionen kritisiert. Dies hat Derrida immer wieder in seinen letzten Büchern unternommen: in dem Walter-Benjamin-Buch "Gesetzeskraft - Der mystische Grund der Autorität" (deutsch 1991), in der politischen Streitschrift "Das andere Kap" (1992), in der Bekenntnisschrift "Gespenster von Marx" (1995), in seinem Vortrag "Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen" (1997) und vor allem in seinem vorläufig letzten Werk "Die Politik der Freundschaft" (1999).

Wenn Derrida in diesen Büchern von der Zukunft der Demokratie spricht, dann stets im Hinblick auf die Idee der Gerechtigkeit. Sie sei der Maßstab politischen Handelns, um die Unzulänglichkeiten einer gegebenen Rechtsordnung aufzuheben oder - wie er sagt - zu "dekonstruieren". Deshalb heißt es in dem jüngst erschienenen Buch über die Freundschaft programmatisch: "Keine Dekonstruktion ohne Demokratie, aber auch keine Demokratie ohne Dekonstruktion."

Für Derrida hat dieser Gedanke nichts Utopisches. Da die Rechtsordnung einer demokratischen Ordnung nicht sakrosankt ist, gibt es immer auch die Möglichkeit einer politischen Dekonstruktion. Dabei geht es freilich nicht darum, das bestehende Recht völlig abzuschaffen, denn die Gerechtigkeit wird sich niemals außerhalb des Rechts verwirklichen lassen. Mit diesen Fragen habe sich, wie Derrida kürzlich erst in einem Frankfurter Vortrag betonte, die "bedingungslose Universität", zu beschäftigen. Wenn für sie die Philosophie und die humanities, die Geisteswissenschaften, ein wirkliches Anliegen seien, dann müsste sie sich mit den naheliegenden Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzen: der Frage nach den Menschenrechten, mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit der Geschlechterdifferenz und dem Rassismus. Schon 1990, als die sozialistischen Reiche auseinanderbrachen und die Furcht vor ethnischen und religiösen Irrationalismen wuchs, warnte Derrida "vor der Rückkehr zu alten Formen des religiösen Fanatismus, des Nationalismus und des Rassismus". Er wußte sehr wohl, warum es gilt, das Erbe der Aufklärung wachzuhalten.

So bekannte er in seinem autobiografischen Text "Ein Porträt" (1994), dass ihm als jüdischem Kind im Vichy-beherrschten Algerien, fern des deutschen Einflussbereichs, der Schulbesuch verboten wurde. Diese Zeit des "entfesselten und autorisierten Antisemitismus" sei schlimmer als Frankreich zur Zeit der deutschen Besetzung gewesen. Seit dieser Jugenderfahrung habe er "eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Antisemitismus und Rassismus, aber auch ein Unbehagen gegenüber jeglichem Herdentrieb".

Man braucht nicht alle (der vielzahligen) Bücher Derridas gelesen zu haben, um seit den letzten Jahren eine stärkere Politisierung seiner Schriften und Reden festzustellen. So beruft er sich in "Gespenster von Marx" - vollkommen unorthodox - auf das Erbe des Marxismus. Denn gegenüber der Euphorie der neoliberalen Demokratie, gegenüber der Errichtung einer neuen Welt- und Hegemonialordnung, gegenüber den sich verschärfenden Handelskriegen, gegenüber den verbissen ausgetragenen ethnischen Konflikten müsse der Marxismus als eine kritische Instanz des Denkens reaktiviert werden. Für Derrida ist dieses Denken als eine nicht abschließbare Aufklärung zu verstehen - eine Aufklärung, die den Geist einer radikalen und offenen Kritik, die Erfahrung des emanzipatorischen Versprechens wachhält.

In diesem Sinne beschwört Jacques Derrida in "Politik der Freundschaft" Nietzsches große "Versucher": die "Philosophen der Zukunft". Und in einem Interview des Bandes "Auslassungspunkte" erklärt er, was diese uns lehren können: "Wenn es Philosophie gibt, so ist es eine Weise des Fragens oder des Suchens. Folglich ist die Philosophie immer dazu aufgerufen, sich selbst zu überschreiten.""

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