Kultur : Jacques Lacan: Durch tausend Spiegel musst du sehen

Klaus Englert

Unter den Theoretikern aus dem Umkreis des französischen Neostrukturalismus gilt er als der dunkelste und schwierigste - der Psychoanalytiker Jacques Lacan. Dies hat seine Jünger allerdings nicht davon abgehalten, ihn wie einen Gott zu verehren. Besonders in seine legendären Seminare, zunächst an der renommierten École normale supérieure, später an der Rechtsfakultät des Panthéon, strömten die kritischen Studenten. In den Zeiten des gesellschaftlichen Aufruhrs um 1970 waren Lacans Veranstaltungen ebenso beliebt wie die Seminare von Gilles Deleuze an der Reform-Universität Vincennes und die Vorlesungen von Michel Foucault am Collège de France.

Für die meisten war er offenbar der "Große Andere", von dem er selbst immer wieder sprach. Sogar seine Kritiker bescheinigen ihm eine überragende Intelligenz und einen scharfen Verstand. Doch am meisten bewundern sie, dass er sich von den Fesseln seiner medizinischen Ausbildung lösen konnte, um sich ganz der Erneuerung der Psychoanalyse zu widmen. Dies war nicht einfach in einer Zeit, in der linientreue Traditionsverwalter wie Ernest Jones an der Spitze der psychoanalytischen Bewegung standen. Lacan schaffte ein theoretisches Werk, das nicht nur eine gänzlich neue Sprache einführte, einen Dialog mit anderen Wissenschaften wagte, sondern vor allem die traditionelle Psychiatrie und Psychoanalyse brüskierte.

Diese Reaktion erlebte Lacan erstmals hautnah, als er seine Theorie über die Funktion des frühkindlichen Spiegelstadiums bei der Ichbildung 1936 in Marienbad vortrug. Ernest Jones, der Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, so erzählte Lacan später, habe ihn alle zehn Minuten unterbrochen. Dabei sei seine Arbeit, seit seinem Engagement für die Société Psychanalytique de Paris bis zur École freudienne, einzig von einer "Rückkehr zu Freud", zu den Wurzeln der Psychoanalyse geleitet gewesen. Natürlich ging es ihm um eine Verbreitung der Freudschen Texte, die er teilweise selbst ins Französische übersetzte, um eine Anbindung an die zeitgenössische philosophische und wissenschaftliche Forschung, aber auch um eine Auseinandersetzung mit der damals herrschenden Ich-Psychologie.

Im Grunde war Jacques Lacan allerdings ein verdeckter Freudianer, besser: ein dissidenter Psychoanalytiker. Denn den bekannten Lehrsatz des Meisters "Wo Es war, soll Ich werden", las er völlig anders als Paul Ricoeur, Alfred Lorenzer oder Jürgen Habermas. Denn für ihn war die Subjektwerdung keineswegs gleichbedeutend mit dem aus dem Unbewussten zu sich selbst kommenden Selbstbewusstsein.

Allen idealistischen Theorien hielt Lacan entgegen: Aus dem Es erwächst nicht einfach das Selbstbewusstsein, sondern ganz im Gegenteil ein Anderes Subjekt - "das wahre Subjekt des Unbewussten." Also ist der eigentliche Ort des Subjekts gerade dort, wo wir es am wenigsten suchen: im Es, im Unbewussten.

Auch wenn ihm Kritiker wie sein Kollege André Green vorgeworfen haben, er hätte alles darauf angelegt, sich wie ein "Sektenführer" zu gebärden und gleichzeitig die grundlegenden Regeln der Analyse zu missachten, so bleibt doch sein unerschütterliches Bekenntnis zu einer ernsthaften Psychoanalyse: "Die Psychoanalyse muss ernst genommen werden, weil sie keine Wissenschaft ist. Wenn ein gewisser Karl Popper gezeigt hat, dass sie keine Wissenschaft ist, dann liegt dies daran, dass sie unwiderlegbar ist. Sie ist eine Praxis des Geschwätzes. Aber kein Geschwätz ist ohne Risiko."

Die Schriften von Jacques Lacan sind im Berliner Quadriga Verlag erschienen.

Die Tradition des Lacanschen Denkens führt die von Jacques-Alain Miller und Slavoj Zizek herausgebene Zeitschrift "Lacanian Ink" mustergültig fort. Ihre englischsprachige Website findet sich unter www.lacan.com .

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