Kultur : Jäger der Nacht

Paris als mythisches Abbild seiner selbst: die berühmten Fotografien von Brassaï in der Wiener Albertina

Bernhard Schulz

Im Dezember 1932 erschien das Buch „Paris de nuit“, und fortan stand das Bild der nächtlichen Stunden der französischen Metropole fest. Was immer Brassaï – wie sich der aus dem seinerzeit, 1899, ungarischen Brasso gebürtige Gyula Halász seit jenem Jahr nannte – später in Paris fotografierte, war wie eine Verbreiterung der einmal gefundenen Basis. „Paris bei Nacht“ legte die Grundstimmung fest. Sie ist, bei aller vorgeblichen Härte, bei allem Realismus des Blicks, durchaus nostalgisch. Das Paris der petit gens, der kleinen Leute, der großtuerischen Ganoven und herzlichen Huren, der Handwerker, Handlanger und der Clochards, dieses Paris erlebte seinen Herbst in den Jahren zwischen den Kriegen. Brassaï hat es in seinen Aufnahmen für immer bewahrt.

Die Wiener Albertina, seit ihrer glanzvollen Wiedereröffnung Mitte März auch der Fotografie verpflichtet, hat jetzt die vor drei Jahren vom Pariser Centre Pomidou ausgerichtete Retrospektive übernommen und zeigt sie in ihrem neuen, lichtgeschützten Untergeschoss. Ein größerer Gegensatz zwischen der perfekten Präsentation der rund 300 Aufnahmen im Museum und den – im begleitenden Katalog abgebildeten – damaligen, bescheidenen Arbeitsabzügen des Künstlers lässt sich nicht denken. Das Alltägliche, vor allem auch Elende seiner Motive ist im Kunsttempel angekommen.

Denn die Motive selbst sind nicht glamourös. Sie entsprechen jener Zeitströmung, die in Deutschland „Neue Sachlichkeit“ hieß und die doch ein unterschwellig romantisches, bisweilen pathetisches Moment besaß. Da ist der Bäcker am frühesten Morgen, durch ein Kellerfenster beobachtet, da sind die Eisenbahnwagen, die damals noch bis zu den Halles rollten, da sind die Latrinenreiniger mit ihren pferdegezogenen (!) Dampfpumpen, die Clochards unter den Kolonnaden der Börse und die Polizisten mit wehendem Umhang auf Fahrrädern. Und natürlich die billigen Prostituierten, die Seine-Quais und der Regen im gepflasterten Rinnstein.

Brassaï lebte selbst im Hotel wie so viele Künstler und Literaten (eine Zeitlang Tür an Tür mit Raymond Queneau, dem Autor von „Zazie dans le métro“); er kannte sein Milieu, er besaß das Vertrauen derer, die er fotografierte – denn Schnappschüsse, als die sie wirken sollen, waren seine Aufnahmen nur selten, sondern meist arrangierte und sorgfältig ausgeleuchtete Kompositionen mit der Plattenkamera. So weit war die Technik noch nicht, dass sie des Nachts Momentaufnahmen zuließ: Der Magnesium-Blitz musste für die nötige Augenblickshelligkeit sorgen.

Brassaï hat nach dem Ersten Weltkrieg (und der gescheiterten ungarischen Räterepublik) in Berlin gelebt, von 1920 bis 1922, und in Charlottenburg an der Hochschule für bildende Künste studiert. Dann zog es ihn zum Journalismus, er ging nach Paris, wo er bereits als kleines Kind gewesen war – der Vater hatte eine Professur für französische Literatur inne –, und berichtete für deutsche Zeitschriften. Erst 1929 machte er erste eigene Aufnahmen und nahm fortan die Kamera mit auf seine nächtlichen Streifzüge. So entstand eher ungeplant sein Erstlingsbuch; das Material, das er in den Folgejahren sammelte, kam erst 1976 im Buch „Das geheime Paris“ an die Öffentlichkeit.

Er jage ganz und gar nicht, hat Brassaï über sich selbst gesagt: „Eher schon ist er der Fang, nach dem die Bilder jagen.“ Das erinnert an Picassos berühmte Selbststilisierung, er suche nicht, er finde – und so mag es denn, wie Werner Spies im Vorwort des definitiv zu nennenden Katalogbuches schreibt, zu jenem „objektiven Zufall“ gekommen sein, dass Brassaï Picasso kennenlernte und „zum ständigen Fotografen gerade der Skulpturen Picassos“ wurde.

Noch 1932 machte er die Bekanntschaft des Spaniers und fotografierte die damals unbekannten Objekte. Nicht weniger als 155 Aufnahmen publizierte Brassaï zwischen 1933 und 1939 in der wichtigsten Zeitschrift der Surrealisten, dem „Minotaure“; und natürlich mussten die Surrealisten um Breton eine Wahlverwandtschaft mit dem Fotografen erkennen, der analog zur künstlerischen écriture automatique scheinbar wahllos beliebige, unscheinbare Objekte festhielt: Aufnahmen, die unter dem Titel „Sculptures involontaires“ veröffentlicht wurden. Diesen „unfreiwilligen“ Skulpturen entspricht die „unfreiwillige Erinnerung“, die sich angesichts seiner Paris-Bilder einstellt – ein mémoire involontaire, als ob man die Stadt schon immer so gekannt hätte.

Brassaï bewegte sich seit der Okkupation Frankreichs durch die deutschen Truppen mehr und mehr in den verschiedenen Künsten, zeichnete, malte und bildhauerte. Die Fotografie trat zurück. Er hat wohl später auch seinem Lieblingssujet Paris keine neuen Facetten abgewinnen können, reiste stattdessen für Zeitschriften durch diverse Länder. So konzentriert sich denn auch die Wiener Ausstellung ganz wesentlich auf seine Pariser Bilder der Dreißigerjahre, in deren harten Hell-Dunkel-Kontrasten die Härte des damaligen Alltags zum Ausdruck kommt. Für Brassaï selbst war die Arbeit mit den alten Aufnahmen, die 1976 in das „Geheime Paris“ eingingen, eine wiedergefundene Zeit. 1984 ist er an der Côte d’Azur gestorben.

Erschütternd ist eine frühe Serie, die er von seinem Hotelzimmer aus aufgenommen hat: „Ein Mann stirbt auf der Straße“ von 1932. Es regnet, die Passanten schauen, unternehmen wenig; endlich erscheint die Polizei, und schließlich bleibt ein leerer Fleck, während ein gleichgültiger Regen alle Spuren wegwäscht. Alltag in Paris. Es war die Zeit, die in Amerika die Great Depression heißt.

Wien, Albertina, bis 21. September. Katalog im Verlag Christian Brandstätter, Wien. Großformat, kt. 28 €, im Buchhandel geb. 69 €.

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