Kultur : Jäger der Rakete

Made in Japan: Pop Art von Keichii Tanaami in der Galerie Gebr. Lehmann.

Jens Müller

Pop Art ist für die meisten Andy Warhol und Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg und Richard Hamilton. Pop Art ist angelsächsisch. Stimmt. Stimmt nicht: Eine Ausstellung in der Berliner Dependance der Dresdner Galerie Gebr. Lehmann bestätigt und widerlegt besagte Annahme zugleich.

Da sind zunächst die wohlvertrauten Versatzstücke amerikanischer Popkultur: Pepsi Cola, King Kong, Janis Joplin, die Freiheitsstatue, Superman. Und da ist der Urheber, der diese Motive in seinen Zeichnungen und Collagen arrangiert hat: Keichii Tanaami, ein Japaner.

In den wichtigen europäischen und amerikanischen Museumssammlungen ist er praktisch nicht existent, dabei gilt er als der Begründer der japanischen Pop Art. Ob die – westliche – Welt, die Yoko Ono ja vor allem als das durchtriebene Wesen an der Seite von John Lennon wahrgenommen hat, in den Hochzeiten der Pop Art einfach noch nicht bereit war für einen fernöstlichen Großkünstler? Ein halbes Jahrhundert vor Ai Weiwei.

Man kann sich natürlich darüber wundern, dass sich ein Japaner so eklektisch aus der amerikanischen Bilderwelt bedienen muss, könnte gar den Verdacht genährt sehen, es mit einem Epigonen zu tun zu haben, einem Trittbrettfahrer. Man sollte sich aber auch vor Augen führen, was es in der präglobalisierten Nachkriegsepoche der sechziger Jahre bedeutet haben muss, nach Amerika zu kommen und das alles erstmals mit eigenen Augen zu sehen. Was es für einen Mitteleuropäer bedeutet haben muss und erst recht: was es für einen Japaner bedeutet haben muss. Bis dahin hatte Keiichi Tanaami die Amerikaner nur von einer anderen Seite kennen gelernt: Als Neunjähriger erlebte er die Bombardierung Tokios durch die USA, ihre Folgen – die fliehenden Menschen ebenso wie die deformierten Goldfische im Aquarium seines Vaters – prägten sich dem Künstler tief ein.

Der totale Kulturschock, den er laut Auskunft seines japanischen Galeristen Shinji Nanzuka dann 1967 während einer Amerika-Reise empfand, lässt sich an den Kunstwerken durchaus ablesen. Es ist eben, im Vergleich mit Warhol, den Tanaami getroffen hat und der Tanaami die serielle Vervielfältigung von Kunstwerken lehrte, ein weniger affirmativer, ein durchaus ambivalenter Umgang mit der damals so neuen Bilderwelt. Und in Sachen Sex durchaus drastischer: Tom Wesselmann, Schöpfer der Great American Nudes, wirkt im Vergleich geradezu brav. Tanaamis Nackte recken einem lasziv das Hinterteil entgegen oder reiten als Hardcore-Version von Dr. Strangelove mit gespreizten Beinen auf einem Düsenjäger. Tanaami wurde auch der erste Art Director des japanischen Playboy.

Die ausgestellten Arbeiten des 1936 geborenen Künstlers stammen aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, der auffälligste Unterschied, sowohl zu seinem späteren Werk als auch zu denen seiner Pop-Art-Kollegen, ist die fehlende Farbe, die die Galerieräume durch einen petrolblauen Wandanstrich noch betonten. Es erklärt sich nur teilweise daraus, dass einige der Zeichnungen als Vorlagen für Magazinveröffentlichungen dienten, sie wurden erst später für den Druck eingefärbt. In anderen Fällen war die schwarzweiße Dominanz gesetzt, aufgebrochen zum Beispiel durch einen eingeklebten bunten Blumenstrauß.

Der Zeichenstil ist heterogen, erinnert mitunter, sehr zeittypisch und sixtiesmäßig psychedelisch, an Heinz Edelmanns Yellow Submarine oder Seymour Chwasts Push Pin Graphic. Die barbusige Männerphantasie mit Sternenbanner aus der Collage „Pepsi-Cola New York“ könnte auch eine von Richard Prince’ Rockerbräuten sein. Ob es sich bei dem an einer Pepsi nippenden Schwarzen daneben um Martin Luther King handelt, konnte der angereiste Galerist Shinji Nanzuka am Eröffnungsabend auch mit Hilfe seine iPhones nicht aufklären.

Keiichi Tanaamis Zeichnungen und Collagen kosten zwischen 9000 und 13 000 Euro; Auflagenobjekte und Filme (DVD, Edition 25 Ex.) ab 2000 Euro. Der derzeit am höchsten gehandelte japanische Künstler ist Takashi Murakami, Tanaamis Einfluss auf ihn ist offensichtlich. Murakami hat einmal eine CD-Hülle für Kanye West gestaltet, Tanaami ein Plattencover für Jefferson Airplane. Was einem besser gefällt, ist Geschmacksache.

Galerie Gebr. Lehmann, Lindenstr. 35; bis 21. 1., Di–Sa 11–18 Uhr

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