Kultur : Jäger des Bügeleisens

Junge litauische Fotografie in der Berliner Galerie Giedre Bartelt

Hans-Jörg Rother

Der Kontrast sticht ins Auge: Die Fotografin stellt die Personen auf eine grüne Wiese, der Fotograf porträtiert sie in ihrem Zuhause. „Menschen meiner Stadt“ heißt die kleinformatige Serie von Ramune Pigagaite, die seit Langem in Deutschland lebt, aber noch einmal in ihren Heimatort Varena nahe der weißrussischen Grenze zurück gekommen ist, um dort 20 traditionelle Berufsstände festzuhalten: die Schneiderin, den Feuerwehrmann, den Imker, den Uhrmacher, den Jäger.

Jeder hält das charakteristische Instrument seiner Arbeit – vom Bügeleisen bis zum Gewehr – wie ein Souvenir so fest in der Hand, als müsse er es verteidigen, und macht ein ernstes Gesicht dazu. Eine bemerkenswerte ethnographische Inszenierung (1300 Euro je Foto).

Mit sichtlichem Vergnügen hat sich dagegen ein anderer junger litauischer Fotograf, Arturas Valiauga, bei einem Bauern eingeladen, der bei seiner alten Mutter einsam in einem von oben bis unten mit alten und neuen Zeitungs- und Illustriertenfotos, Filmplakaten und Werbepostern tapezierten Haus lebt. Das SchwarzWeiß-Bild eines längst verstorbenen sowjetischen Politikers prangt da wie zufällig neben dem Foto eines Raubvogels, Titelblätter verblichener Zeitschriften wie „Das Kolchosleben“ kleben neben Reklame für moderne Toilettenbecken. Darüber hängen die Mützen und Jacken der Hausbewohner, die mit faunischem Lächeln in die Kamera blicken. „Ich war bei Stephan, wir sprachen über das Leben“, hat der Fotograf seine berührende kleine Serie aus dem Jahr 2002 genannt. (1200 bis 1300 Euro pro großformatigem Vintageprint). Die Zeit anzuhalten ist ein absurdes osteuropäisches Dauerprojekt, dem Valiauga, wie der Blick in den ausliegenden Katalog beweist, seit Langem auf der Spur ist. Auch darum wünschte man sich, noch andere Arbeiten von diesem Künstler zu sehen. Hans-Jörg Rother

Galerie Giedre Bartelt, Linienstraße 161; bis 14. Juli, Dienstag bis Sonnabend 14-18 Uhr.

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