Kultur : Jäger des flüchtigen Glücks

Heute verabschiedet sich György Konrád als Berliner Akademiepräsident – und eine Institution sucht ihre Zukunft

Peter von Becker

Heute gegen 19 Uhr 30 wird er wohl zum letzten Mal auf der – am liebsten: siebten bis neunten Stufe der großen Treppe stehen, die das Vestibül der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg beherrscht. Der unlängst 70 gewordene ungarische Schriftsteller György Konrád war vom Mai 1997 an der erste ausländische Präsident der renommiertesten deutschen Akademie, jetzt endet seine Amtszeit auf eigenen Wunsch. Und bei der berühmten, von Konráds Vorgänger Walter Jens erfundenen und vom Treppenwitz bisweilen zum rhetorisch tanzenden Treppenwunder entwickelten Stufenrede wird der scheidende Präsident heute Abend seinen neugewählten Nachfolger verkünden und vorstellen – so der denn anwesend ist (Jens und auch Konrád wurden jeweils in Absenz gewählt). Danach beginnt dann als Jahresfest die von Kunst in Häppchen begleitete „Lange Nacht der Akademie“.

Nicht nur die Nacht der zähen Beckmesser, auch die Tage der langen Zähne waren für die Akademie vor sechs Jahren vorbei. Zuvor hatte der Streit um die Zusammenlegung der staatsoffiziösen, mit riesigen Forschungsabteilungen versorgten DDR-Akademie der Künste und ihrer schlankeren, freieren Westschwester die innerdeutsche Nachwende-Zerrissenheit bis zur Selbstlähmung widergespiegelt. Frühere Ost-Opfer wollten nicht mit möglichen Ex-Tätern (und Spitzeln) eine neue Gemeinschaft bilden. Zwar wurde 1993 die Vereinigung in der Berlin-brandenburgischen Akademie der Künste unter Beifall und Zähneknirschen vollzogen. Doch als mit Heiner Müller, dem letzten Ost-Akademiepräsidenten, 1995 auch die letzte, selbst von politischen Gegnern als Genie geachtete Integrationsfigur starb, war Jens, der schon über siebzigjährige Tübinger Gelehrte, nicht unbedingt mehr der für Berlin und ein gesamtdeutsches Exempel berufene Streitschlichter.

Die wahre Wende kam tatsächlich mit György Konrád. Er wurde auf Anhieb zum Entkrampfer der querelles allemandes, ähnlich wie ab Ende des Jahres 1997 im Hickhack um das Jüdische Museum dann Michael Blumenthal. Dabei brachte Konrád nicht nur die Autorität eines ehemaligen Präsidenten des Internationalen PEN-Clubs ins Spiel oder die Dignität des Überlebenden und Widerständigen aus den Zeiten des Holocaust und des Stalinismus. Konrád verkörpert in der der oft selbstunsicher auftrumpfenden, von Provinzlern, Parvenüs und Metropolenträumern bevölkerten deutschen Hauptstadt die ersehnte Mischung aus lokaler Erdung und geistigem Weltbürgertum. Dieser Schriftsteller, der in einer Sprache schreibt, die fast niemand außerhalb seines Landes versteht, weshalb Ungarns Künstlern in der Literatur und Operette, im Theater und Film immer nur der Aufbruch in die Weltkarriere bleibt, Konrád lebt und schreibt (für die Welt) abwechselnd in Budapest und unter Weinbauern auf dem Dorf. Und diese vielgestaltig harmonische Existenz ist bei ihm schon im ersten Auftritt ablesbar. Ein korpulent-kräftiger Mann mit sanftem Händedruck, ein Löwenhaupt mit zartem Lächeln, und im Singsang seines Baritons, der Journalistenpoeten gerne an „dunkle Silbertöne“ erinnert, wechselt die philosophische Gelassenheit (auch heitere Schwermut) immer wieder mit der Waffe des Witzes, scharf, aber diplomatisch – oder wie Lateiner sagen: suaviter in modo, fortiter in re.

Unmittelbar haben Konráds persönliche Interventionen, gegen Eisenmans Holocaust-Mahnmal (das er für abstrakten „Kitsch“ hält) oder für eine Invasion im Irak (nachdem er den Kosovo-Krieg noch vehement abgelehnt hatte), nicht viel bewirkt. Doch er hat innerhalb der Akademie den Ost-West-Konflikt entgiftet, beendet. Und keiner konnte mit ähnlichem Charme, Schalk und intellektueller Herzlichkeit vor Politikern und Wirtschaftsmagnaten so schlagende und streichelnde Sätze sagen: „Die Pflege der Künste liegt nicht weniger im öffentlichen Interesse als die Unterhaltung einer Armee.“ Oder: „Die liberale Demokratie ist ein Kunstwerk. Schon deshalb soll sie die Künste vom Rand ins Zentrum rücken.“ Oder: „In Bonn war die Regierung immer größer als die Stadt. In Berlin wird das nicht immer so sein.“

Konráds Berliner Reden sind so zu Sirenengesängen jener Berliner Republik geworden, die der Ungar in seinem tief timbrierten, aber zugleich hell vokalischen Deutsch immerzu beschwor: als ein Land, das neben der föderalen Grazie auch die Stärke eines kulturell und politisch ausstrahlenden Zentrums brauche. Und darüber hinaus sei Berlin das neue Herz des alten, wahren Ost-Mitteleuropas – und als schönste, stärkste Kammer dieses Herzens erträumte der Dichterpräsident sich die Akademie der Künste.

Sie sollte mit ihm schon letztes Jahr in ihr neues Haus am Pariser Platz 4 gezogen sein. Aber der zwischen dem Hotel Adlon und der von Frank Gehry entworfenen DZ-Bank noch nicht vollendete Neubau, den Günter Behnisch als gläsernes Kleid um die Reste der einst von Max Liebermann präsidierten Preußischen Akademie drapiert hat, er wird frühestens Ende des Jahres fertig sein. Wie berichtet, gibt es zwischen dem Land Berlin und dem Generalunternehmer Streit um rund 35 Prozent Mehrkosten des ursprünglich auf 38 Millionen Euro veranschlagten Baus. Und um mehr Geld wird es auch künftig gehen: Bisher trägt Berlin den Hauptanteil des Zwölfmillionenetats für die Akademie und ihr (als Stiftung organisiertes) Archiv, der Bund steuert 2,2 Millionen für das Archiv bei und Brandenburg gut eine Million für die Akademie. Am Pariser Platz aber hatte Berlin in einem Schildbürgerstreich einen Teil des Akademiegrundstücks noch dem Hotel Adlon verkauft, worauf die Archive unsinnig teuer vier Stock tief in den kostbarsten Grund und Boden der Hauptstadt gebaut werden mussten – und oberirdisch reicht der Raum am Pariser Platz künftig nur für kleinere Veranstaltungen. Vom Großteil der Verwaltung und Technik bis zu Ateliers, Gästewohnungen und dem einzigen großen Veranstaltungssaal bleibt (fast) alles wie bisher im Tiergarten, im mittlerweile leicht abgeschiedenen Hanseatenweg.

Eine wirksame Bespielung beider Häuser aber erfordert neben dem schieren Geld – da hofft man ab 2004 einmal mehr auf ein stärkeres Engagement des Bundes – auch soviel inszenatorische Intelligenz und Insistenz, dass es neben einem nur ehrenamtlichen, inspirativ-repräsentativen Präsidenten eigentlich einer Intendanz oder jedenfalls hauptberuflichen Instanz bedürfte. Aus den Sektionen der überwiegend älteren Mitglieder mit ihren in Ehren und oft schon Erstarrung ergrauten Abteilungsleitern mitsamt ihren auf Lebenszeit (!) bestallten Sekretären ist ein solcher Aufbruch allein kaum zu schaffen.

Überhaupt braucht die Akademie Verjüngung und neue Anregung: In den Abteilungen Bildende Kunst fehlen jüngere Maler und völlig die Fotografie, in der Architektur klaffen lokal und international riesige Lücken, ebenso in den Abteilungen Literatur und Theater, und der kritisch-essayistische Geist der Stadt und des Landes ist so wenig repräsentiert wie ganze Kontinente, kaum Amerika und Asien, keine afrikanischen oder israelischen Künstler und Autoren von Rang. Wenige osteuropäische auch, trotz György Konráds Vision vom großen Brückenschlag.

Ein Brückenschlag müsste in Zeiten neuer Biopolitik und entsprechender ethischer und ästhetischer Fragen zu den neuen Naturwissenschaften erfolgen – Stichwort: „Third Culture“. Es sind viele Aufgaben, die damit auch auf Konráds Nachfolger warten. Als Favorit gilt der kluge, immer wieder in Zeitfragen engagierte Züricher Schriftsteller Adolf Muschg. Er ist ein Jahr jünger als Konrád, und beide erzählen in ihren jüngsten Büchern vor allem von der ältesten Sehnsucht: nach dem Glück. Viel Glück.

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