Kultur : Jäger des verlorenen Schatzes

Daniel Barenboim, der große Pianist, Wagnerdirigent und Berliner Staatsopernlenker, wird heute 60 Jahre alt

Jörg Königsdorf

Vor ungefähr zwei Jahren stellte sich Daniel Barenboim einem faszinierenden Experiment. Für den Soundtrack zum Furtwängler-Film „Taking Sides“ dirigierte er den ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie und hörte dabei über Kopfhörer den Mitschnitt einer Live-Aufnahme Wilhelm Furtwänglers von 1944. Wichtig ist dabei weniger das Ergebnis, das letztlich die Unmöglichkeit zeigt, den künstlerisch-historischen Schicksalsmoment zu wiederholen. Faszinierend ist dieses Experiment vielmehr, weil es in gewisser Weise den Schlüssel zum Verständnis des Künstlers und Menschen Daniel Barenboim liefert.

Denn der genialische Funke, der hier via Tonkonserve überspringen sollte, scheint der Erfüllungsmoment zu sein, den Daniel Barenboim in all seinen unzähligen Konzerten als Dirigent und Pianist seit über einem halben Jahrhundert sucht. Jener eine, letzlich durch keinerlei handwerkliche Präzision zu erzielende Moment der Transzendenz, in dem Werk, Interpret und Publikum zu verschmelzen scheinen.

Eine rastlose Suche nach Rausch und Erlösung scheint ihn anzutreiben und zu immer neuen gigantomanen Grenzerfahrungen herauszufordern: Wie ein Drogensüchtiger rast Barenboim durch Notenberge, dirigiert am Abend fünf Stunden Wagner und gibt am nächsten Morgen ein Klavierkonzert, um abends schon wieder auf einem Pult zu stehen. Lässt manchmal vieles von dieser Musik achtlos beiseite, wenn er erkennt, dass aus dem Material der Funke nicht springen will, verweilt dann wieder plötzlich an einer Stelle, lotet sie bis ins letzte Detail aus, in der Hoffnung, hier das Ersehnte zu finden. Es ist wohl kein Zufall, dass dem Operndirigenten Barenboim gerade die Wagnerschen Helden am nächsten liegen und dass seine Suchbewegung sich immer wieder im Dekalog der Wagneropern manifestiert. Zuletzt, vor einem halben Jahr, sogar im einzigartigen, spektakulären Unternehmen, den gesamten Wagner an der Berliner Staatsoper am Stück aufzuführen.

Das eingangs geschilderte Experiment ist jedoch noch aus einem zweiten Grund erhellend: Denn das Vertrauen in die genialische Kraft der Musik leitet sich für Barenboim direkt vom großen Vorbild Furtwängler her. Jener Augenblick, in dem das 10-jährige in Argentinien geborene Klavierwunderkind dem großen Maestro vorspielte, ist längst mythisierter Ausgangspunkt der Barenboim-Legende. Als ob in diesem Moment jener Funke tatsächlich vom schon todgeweihten Dirigenten auf den Knaben übergesprungen sei. Es darf vermutet werden, dass diese magische Inspirationskraft auch bei Barenboims Ehe mit der 1987 verstorbenen Jahrhundertcellistin Jaqueline Du Pré eine Rolle spielte: Deren bis heute unerreichte Selbstverständlichkeit, die Musik direkt zum Herzen sprechen zu lassen, zog den Pianisten und Dirigenten magisch an.

Es ist nur folgerichtig, dass Barenboim seine musikalische Heimat seit 1990 in Berlin gefunden hat – nicht in Paris, wo er zuvor als Chef des Orchestre de Paris wenig glücklich war, und letztlich auch nicht im hyperurbanen Chicago (seit 1991), wo ihn wohl eher die unumschränkte künstlerische Alleinherrschaft über das dortige Symphonieorchester reizte. Die Erlösungssuche hat ihn an die Wirkungsstätte des großen Vorbilds getrieben: an die Staatsoper und die Staatskapelle, und beinahe auch an die Spitze der Philharmoniker. Für die Staatskapelle erweist sich dabei gerade Barenboims rückwärts gewandtes, an der spätromantischen Dirigentengeneration orientiertes Musizieren als Glück. Wenn heute die Staatskapelle den Philharmonikern als Hüter der Deutschen Orchestertradition Konkurrenz machen kann, dann vor allem deshalb, weil Barenboim in der schwierigen Nachwendezeit die Musiker ermutigte, an ihrem ererbten Klangbild festzuhalten.

Über seinen Werdegang wie über all die Künstlerpersönlichkeiten, die ihn prägten, berichtet er in seiner Autobiografie „Die Musik–Mein Leben“ (Ullstein, 344 S., 24 €), die zu seinem heutigen 60.Geburtstag auf den Markt kommt. Den Tag selbst begeht er, wie man es von ihm nicht anders erwarten kann: Beide Brahms-Klavierkonzerte hat er sich mit seinem Orchester und seinem Dirigierfreund Zubin Metha heute um 20 Uhr in der Staatsoper Unter den Linden vorgenommen. Auf dass der Funke auch diesmal überspringen möge.

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