Kultur : Jäger des verlorenen Schatzes

Die Konzentration im Buchhandel sorgt für nachhaltige Erschütterungen im Literaturgeschäft

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Die frohe Botschaft ertönt rechtzeitig zur Messe: Der deutsche Buchmarkt hat den Einbruch zur Jahrtausendwende mit vorsichtigen Umsatzsteigerungen überwunden. Zugleich schwillt wieder apokalyptisches Summen an. Doch für Zweckoptimismus wie für haltlosen Pessimismus sind zu viele widerstreitende Interessen einer Branche im Spiel, die zwischen kulturellem Denken und ökonomischem Handeln zerrissen ist. Es existiert ein absurdes Missverhältnis zwischen dem Reichtum von fast 90 000 Titeln pro Jahr – und dem Bruchteil, der davon überhaupt in den Handel finden kann. Und es gibt einen schreienden Widerspruch zwischen den Sonntagsreden zur Bildung – und der Gleichgültigkeit, mit der sich Teile des Buchhandels aus der Verantwortung für die kulturelle Seite des Geschäfts davonstehlen.

Die Gründe für den Umbruch liegen offen. Erstens: Nach Jahren der Konzentration im Verlagswesen erfolgt nun die des Buchhandels. Zweitens: Die wirtschaftliche Macht verlagert sich von der Produktion zur Distribution – was auf die Produktion zurückschlägt. Drittens: Der klassische Buchvertrieb löst sich auf zugunsten eines allgemeinen Medienvertriebs. Viertens: Die Ökonomisierung der Kultur hat zur Folge, dass Markt und geistiges Leben sich entkoppeln. Fünftens: Viele Beteiligte versuchen, die erschöpfte Aufmerksamkeit auf einem gesättigten Markt durch Dumpingpreise im modernen Antiquariat oder durch Eventisierung neuer Titel wachzukitzeln.

Wenn die Relationen stimmen, könnten alle profitieren: Leser, Publikums- und Fachverlage, große und kleine Buchhandlungen. Nur, es sieht nicht danach aus; die Hoffnung auf Selbstregulierung trügt. Vielleicht muss man der „invisible hand“ des Wirtschaftsphilosophen Adam Smith – eigennütziges Gewinnstreben produziert unmerklich Gemeinwohl – doch ein wenig auf die Finger klopfen.

Welcher Druck auf dem Buchmarkt liegt, zeigt die Entwicklung des letzten Jahres. Die Hagener Thalia-Kette mit fast 200 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – und zu 75 Prozent in den Händen der Parfümeriekette Douglas – setzt ihren expansiven Kurs von Neugründungen und aggressiven Übernahmen fort. Umsatz 2004/2005: 461 Millionen Euro – rund doppelt so viel wie bei der größten deutschen Verlagsgruppe Random House. Mit der im August bekannt gegebenen Allianz von Hugendubel und Weltbild entstand ein neuer Marktführer – auch wenn die beiden das operative Geschäft trennen und ein unterschiedliches Selbstverständnis mitbringen: Hugendubel, Erfinder des deutschen Buchkaufhauses,ein eher traditionelles Ethos,Weltbild eine Bestsellermentalität. Zusammen gebieten sie über 451 Buchhandlungen mit einem Umsatz von 672 Millionen Euro.

Verglichen mit England, wo die fusionierten Ketten von Waterstone’s und Ottakar’s den stationären Buchhandel zur Hälfte beherrschen, steht Deutschland noch glücklich da. Der Konzentrationsprozess beginnt hier erst. Aber alles sieht danach aus, dass der Bertelsmann Club zusammen mit Thalia ein Shop-in-ShopSystem anstrebt. Symptomatisch auch der Verkauf von Zweitausendeins an Michael Kölmels MK Medien BeteiligungsGesellschaft, der als Mitgründer der „Kinowelt“ einen rasanten Börsenaufstieg und -fall erlebte. Der Frankfurter Verlag will künftig noch mehr Filme anbieten.

Das Problem ist nicht die Diversifizierung selbst. Der Buchhandel hat, wenn er sich in den Stadtzentren behaupten will, gar keine andere Wahl, als auch Non-Book-Produkte anzubieten. Bei Hugendubel liegt deren Anteil, Kalender und Hörbücher eingeschlossen, bei 15 Prozent: Tendenz stark steigend. Wenn es dem Kerngeschäft dient, soll man ruhig auch Stofftiere, T-Shirts oder Olivenöl zum Kochbuch verkaufen. Auch dass der AppleHändler Gravis in München, Frankfurt und Berlin bei Hugendubel eingezogen ist, gehört zum multimedialen Miteinander. Problematisch ist die Vernachlässigung all dessen, dem der Buchhandel seinen Ruf verdankt: das Vertrauen in die Auswahl und Beratungskompetenz.

Die intellektuelle Wüste, die man in vielen Filialen von Thalia oder Weltbild vorfindet, vermittelt einen Eindruck vom gesamtkulturellen Klimawandel. Nur noch das Allerneueste wird präsentiert, und zu den jüngsten Bestsellern von Günter Grass oder Philip Roth finden sich kaum noch ein, zwei zurückliegende Titel. Das kulturelle Gedächtnis wird in die Ramschabteilung verlagert.

Das hat auch eine ökonomische Seite: Ist es nicht blanke Unvernunft, die Reste eines Zusammenhangs zu zerstören, der die Grundlage dessen bildet, womit man Geld verdienen kann? Weltbild ist ein Unternehmen der katholischen Kirche: Diese ruft nach Werten, deren Voraussetzungen sie gleichzeitig nach Kräften ruiniert. In Abwandlung einer Prophezeiung der Cree-Indianer könnte man sagen: Erst wenn der letzte Essay verramscht, der letzte Klassiker aus den Regalen verbannt und der letzte lesende Buchhändler gefeuert ist, werden sie merken, dass Bücher mehr sind als bedrucktes Papier.

Die Bedrohung sieht jeder anders. Es gibt Kleinverlage wie den Berliner Berenberg Verlag, der mit einem exquisiten Sachbuchprogramm glücklich zu Thalia gelangt ist – dank eines vertrieblichen Huckepackverfahrens mit dem Münchner Kunstmann Verlag. Literarische Verlage wie Joachim Unselds Frankfurter Verlagsanstalt wiederum werden von Thalia übergangen. Selbst Bücher, die Elke Heidenreich in die Kamera hält, haben keine Chance, solange sie nicht auf der Bestsellerliste stehen. Wie sollen sie dorthin kommen, wenn sie nicht einmal ausliegen?

Noch macht die Preisbindung auch einzeln operierende Buchhandlungen konkurrenzfähig. Doch faktisch ist sie, durch Rabatte bis zu 70 Prozent für die Filialisten, längst gefallen. Gleichzeitig fürchten Buchhändler den zu Weltbild gehörenden „Resteseller“ Jokers, der ein attraktives geisteswissenschaftliches Programm verhökert. Ein alteingesessener PhilosophieVerlag wie Felix Meiner ist wiederum glücklich, dort eine Spinoza-Sonderausgabe absetzen zu können. Verlage hadern mit den so genannten Kompetenzpaketen der Großhändler, die dem Buchhändler die Auswahl abnehmen und weniger verkäufliche Titel gar nicht erst berücksichtigen. Und alle schimpfen auf die Billigbücher der Zeitungsverlage. Soviel Unübersichtlichkeit war nie. Doch grundsätzlich gibt es zwei gegenläufige Bewegungen: Preisverfall und Preisanstieg.

Die Kernbestände der westlichen Kultur unterliegen einer konsequenten Deflation. Dostojewski komplett in zehn Bänden kostet bei Zweitausendeins 24,90 Euro, Max Webers 1000-seitige Studie „Wirtschaft und Gesellschaft" 7,99 Euro, und Immanuel Kants Werke auf CD-ROM gibt es bei Jokers für 4,99 Euro. Alles nicht die zuverlässigsten Ausgaben – aber immerhin. Und wer es mit Original und Kopie nicht so genau nimmt, kann sich für rund 250 Euro aus China einen Picasso kommen lassen, der aussieht, als wär’s ein Stück aus dem Atelier des Meisters. Von all dem profitiert der Verbraucher. Wenn er findig ist, kauft er dieselbe Stapelware, die auf den Novitätentischen ausliegt, ein Jahr später von den Schnäppchentischen.

Das Dilemma haben die Verlage. Es besteht darin, dass sie gerade mit ausländischen Spitzentiteln oft nur noch wenig Geld verdienen – vor allem, weil Agenten Vorschüsse verlangen, die kaum wieder eingespielt werden können. Michel Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ bei DuMont ergab eine einwöchige Medienstichflamme und 70 000 verkaufte Exemplare. In Anbetracht der horrenden Lizenzgebühren für den Verlag nur ein Plus-Minus-Null-Geschäft.

Schlimmer ist der Fall Isabel Allende für Suhrkamp. Als sie mit „Das Geisterhaus“ 1984 den hochliterarischen Kanon des Hauses sprengte, sorgte sie für Traumumsätze. Mehr als ein halbes Dutzend Bücher später hat Allende im Auftrag einer US-Marketingfirma den Roman „Zorro“ geschrieben. Da Suhrkamp seine Autorin nicht verlieren wollte, kaufte der Verlag den Roman nicht nur für eine astronomische Summe ein, sondern musste sich zusätzlich die Marketingstrategien diktieren lassen. So kam Suhrkamp zu den ersten TV-Spots seiner Geschichte – und zu gewaltigen Verlusten. Die notwendigen 180 000 Exemplare wurden nicht annähernd verkauft. Da hilft nicht mal Thalia.

Das jüngste Beispiel ist Jonathan Littells französischer Bestseller „Les bienveillantes“ (Die Wohlwollenden): ein von einem Amerikaner auf Französisch in der Ichperspektive geschriebener Einblick in den Kopf eines schwulen deutschen SS-Mannes. Über das literarische Gelingen dieses 900-seitigen Versuchs, dem Bösen aus Tätersicht auf den Grund zu gehen, sind sich Kritiker und Lektoren weltweit uneins, die französischen Feuilletons schreiben über nichts anderes mehr. Und das Geschäft mit den übrigen Titeln der „rentrée littéraire“ ist zerstört: The winner takes it all. Der Kampf um die Übersetzungslizenz ist in Deutschland zugunsten des Berlin Verlags ausgegangen, der den Roman für eine ungenannte sechsstellige Summe kaufte. Angesichts der hohen Übersetzungs- und Herstellungskosten ein doppeltes Vabanquespiel.

Ob sich die deutsche Presse ein zweites Mal mobilisieren lässt? Ob sich ein Verkaufspreis kalkulieren lässt, der sich mit den stagnierenden bis rückläufigen Einkommen des Publikums verträgt? Die Deutschen lesen, so Erhebungen der Stiftung Lesen, deutlich weniger als früher, und das Wenige mit kürzerem Atem. Die Kritik verliert an Einfluss, die Entfernung zwischen Handel hier und Literaturbetrieb hinter den sieben Bergen dort wächst täglich. Hymnen in den großen Blättern verhallen ungehört, und was sich alljährlich beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb abspielt, interessiert außerhalb der Branche kaum noch. Der gesellschaftliche Konsens darüber, was zählt, ist zerbrochen.

Und doch gibt Adam Smiths schwächelnde „unsichtbare Hand“ wenigstens einen Fingerzeig. Denn Großhändler wie Libri suchen neuerdings aus ökonomischem Kalkül die Zusammenarbeit mit kleinen Verlagen – weil der Konzentrationsprozess auch ihnen das Wasser abgräbt. Und es besteht die Chance, dass die Dominanz von Hugendubel / Weltbild auch Thalia wieder zu einer offeneren Programmpolitik bewegt. Das ist besser als Zweckoptimismus.

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