Kultur : Jäger und Gejagter

Die Bundeskunsthalle Bonn widmet sich „Traum und Trauma“ des großen Korsen Napoleon

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Erkennungszeichen. Napoleons Hut und Mantel. Foto: Musée du Château de Fontainebleau
Erkennungszeichen. Napoleons Hut und Mantel. Foto: Musée du Château de Fontainebleau

Was er nun war, Prometheus oder Luzifer, Weltgeist oder Weltzerstörer, darüber sind sich weder die Gelehrten einig noch die Völker Europas, die von ihm heimgesucht wurden. Allerdings hat kein zweiter dieses Europa so grundstürzend verändert wie Napoleon, der „kleine Korse“. Sein Aufstieg verlief phänomenal schnell, kurz war seine Herrschaftszeit und abgrundtief sein Sturz.

1769 im korsischen Ajaccio geboren und als Napoleone Buonaparte getauft, wird er 1795 General und bald Kriegsheld, 1799 Erster Konsul der Republik, 1804 auf eigenes Betreiben hin Kaiser, muss 1814 abdanken und wird nach einem Staatsstreich 1815 aus der Welt gejagt, in die Verbannung auf die Atlantikinsel St. Helena, wo er bereits 1821 stirbt. 1840 holt Frankreich die sterblichen Reste heim, um Napoleon, dem Totengräber des ancien régime, allen Pomp zu bereiten, dessen das Vaterland fähig ist.

Doch die erste Ausstellung, die sich mit Napoleons Wirken und Wahrnehmung in ganz Europa befasst, findet nicht in Frankreich statt, sondern in der Bundeskunsthalle Bonn – um erst von dort aus nach Paris und ins Allerheiligste der Napoleon-Verehrung, das Musée de l'Armée beim Invalidendom, weitergereicht zu werden. Erwachsen ist die Bonner Ausstellung indessen aus französischem esprit: Sie wurde erarbeitet von Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin, die insbesondere die Kunstpolitik und den europäischen Kunstraub unter Napoleon grundlegend erforscht hat.

„Wir sind noch nicht in der Lage, ein objektives Bild von Napoleon zu entwerfen“, gab General Bresse, Chef des Armeemuseums, in Bonn zu – und sah die Ursache nicht zuletzt bei der lange marxistisch dominierten französischen Geschichtsschreibung, die Napoleon als Vollender der Revolution verehrte.

„Napoleon – Traum und Trauma“, lautet der Titel der Ausstellung, der die Ambivalenz des Herrschers ebenso wie die seiner Rezeption in Europa herausstreicht. Was die Zeitgenossen erlitten, waren die Koalitionskriege, die Napoleon mit und gegen den Rest Europas führte, acht an der Zahl bis zu seinem Untergang im brennenden Moskau 1812 und dem todbringenden Rückzug im eiskalten November. Was sie zugleich erlebten, war die Einführung rationaler Strukturen in Rechtswesen und Verwaltung, waren der bis heute gültige Code civil von 1804 und die metrischen Maße. Mochten sie auch auf den geistig-wissenschaftlichen Umschwung zurückgehen, der dem politischen Umsturz der Französischen Revolution ebenso vorausging wie er ihn kraftvoll begleitete, so war es doch erst Napoleons Eroberungspolitik, die sie in alle Teile Europas einpflanzte.

Den Auftakt der spannungsreich gestalteten Bonner Ausstellung bildet ein Kapitel über Napoleons Generationsgenossen, unter ihnen die nahezu gleichaltrigen Beethoven, Alexander von Humboldt und Hegel. Der spätere preußische Staatsphilosoph hielt Napoleon für die Verkörperung des Weltgeistes, „diese Weltseele“, wie Hegel bewundernd schrieb, als er den Kaiser 1806 gesehen hatte. Doch die „Weltseele“ war nur wenige Jahre der Vollender der Revolution, die das morsche Staatensystem Europas zum Einsturz brachte. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation löste sich unter Napoleons Ansturm selbst auf, so dass es nicht einmal Goethe einen Anflug von Wehmut entlockte. Von 1804 und der vom Papst ohnmächtig geduldeten Kaiserkrönung an war Napoleon der Eroberer, der mit zusammengewürfelten und zwangsverpflichteten Truppen überall einfiel, bis er nach dem russischen Desaster selbst zum Gejagten wurde.

Das ist oft erzählt worden. Die Ausstellung indessen fragt darüber hinaus nach dem Leid und der Leidenserfahrung, die Europa traumatisierte. Fünf Millionen Tote und zehn Millionen Verletzte hinterließen Napoleons Kriege. Eine ganze Generation wurde versehrt. Authentische Dokumente von den Feldzügen zeigen die Brutalität und Hoffnungslosigkeit der damaligen Kriegsführung. Wer zurückblieb, krepierte. Aber auch die Fortschritte der Medizin, etwa die im französischen Heer tausendfach durchgeführten Amputationen. Einer posthumen Napoleon-Büste Thorvaldsens – des führenden Bildhauers Europas – wird ein glänzend polierter Kürass gegenübergestellt, von einer Kanonenkugel beidseitig durchbohrt. Welch blutiger Klumpen Fleisch wurde seinerzeit herausgeschält, um diese Kriegstrophäe zu erhalten!

Napoleon, wie wir ihn erinnern, war das Produkt einer breit angelegten Propaganda. „Ich wirke nur auf die Einbildungskraft der Nation; sollte mir dieses Mittel fehlen, werde ich nichts mehr sein“, hatte er selbst gesagt. Der Hut, der Uniformrock – das sind Zeichen, die über Gemälde, Illustrationen und Karikaturen verbreitet wurden. Die Ausstellung zeigt beides, zum einen im Gemälde von Jacques-Louis David von 1810 Bonaparte als Bezwinger der Alpen beim Italienfeldzug 1800, dann von Ingres in dem kalt-pompösen Staatsportrait auf dem Kaiserthron von 1806, einer Ikone Frankreichs und ein Hauptstück der Ausstellung. Zum anderen die Schmähschriften, die „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“ beklagen, oder aus England, wo man über die gescheiterten Invasionspläne des als Badewannenkapitän veralberten Napoleon herzog.

Ein solches Sowohl-als-auch durchzieht die Ausstellung, etwa wenn einem monumentalen Gedächtnisporträt des Hofmalers Baron Gros, einen jungen Gefallenen aus gutem Hause verewigend, eine rührend bescheidene Gedenktafel aus Bayern an die Seite gestellt wird: „Der Huber Hans auch in Russland geblieben. 1825“. Die zusammengezwungene Grande Armée war eben nicht mehr das Volksheer, das den Siegeszug der Revolution voller Enthusiasmus über Frankreich hinausgetragen hatte.

An solcher Betonung der Ikonographie schimmert das Vorbild Werner Hofmanns durch, der vor Jahrzehnten in seinem Hamburger Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“ eben jene Geschichtsdeutung vorgenommen hatte. Bénédicte Savoy greift dieses Vorbild kongenial auf und zeigt, wie historische Prozesse in Bildern vermittelt und verstanden werden. Die zwei Jahrhunderte, die uns von Napoleon trennen, schnurren in der Ausstellung erstaunlich zusammen. Der begleitende Katalog stellt auf lange Zeit hinaus Material zur weiteren Beschäftigung bereit.

Aus dem bewunderten Napoleon wurde das Hassobjekt. Mit den Befreiungskriegen nach dem Russlandfeldzug entstand allerorten Nationalbewusstsein. Paris, eben noch als Zentrum von Kunst und Wissenschaften akzeptiert, wurde zum Diebeslager, aus dem man die geraubten Kunstwerke heimholte – wie die Quadriga vom Brandenburger Tor. Eine Bilderwand der Ausstellung zeigt in kleinformatigen Reproduktionen beispielhaft, welche Kunstschätze woher stammten und wohin sie zurückgeführt wurden. Der Begriff des Patrimoniums, des kulturellen Erbes einer Nation, bildete sich unter dem Eindruck der selbstherrlichen, allerdings wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit durchgeführten Beschlagnahmungen, wie sie Napoleons Museumsdirektor Vivant Denon insbesondere in den zerfledderten deutschen Landen betrieb.

Kein Land, kein Staat Europas konnte nach Napoleon vor Napoleon zurück. Der Wiener Kongress von 1815 stellte das europäische Gleichgewicht wieder her, aber mit im Grunde ganz anderen Mächten. Die Errungenschaften auf allen Gebieten des Staatswesens blieben unangetastet, ja verbreiteten sich in der Folgezeit nur immer weiter. Napoleons Traum eines vereinten Europa unter französischer Führung zerstob im 19. Jahrhundert. „Einer meiner größten Gedanken war die geografische Verschmelzung und Konzentration der Völker, die durch die Politik auseinandergerissen wurden“, soll er geäußert haben.

Allein das Trauma der Kriege blieb, das Leid ebenso wie die Erfahrung, dass nichts Hergebrachtes ewig hält. Zur Grundangst Europas im 19. Jahrhundert wurde Hegels Erkenntnis: „Ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, hält die Wirklichkeit nicht aus“. Napoleon schuf eine eigene Wirklichkeit, für sich und für Europa.

Bonn, Bundeskunsthalle, bis 25. April. Katalog bei Prestel, 384 S. m. 450 Farbabb., 32 €. – Infos: www.bundeskunsthalle.de

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