Kultur : Jäger und Sammler

Londons Sommerauktion wird von einer Klage gegen Christie’s überschattet

Matthias Thibaut

Wenn am Dienstag Abend bei Christie's die Londoner Sommerauktionen moderner und zeitgenössischer Kunst beginnen, wird um Kunst und Geld im Wert von einer halben Milliarde Pfund gefochten. Aber auch um Ehre. Der deutsche Kunsthändler Bernd Göbel verklagt das Auktionshaus Christie's und das Fürther Sammlerpaar Alfred und Elisabeth Hoh auf Anerkennung seiner „Urheberschaft“ ihrer Sammlung. Göbel ist kein Künstler, bezeichnet sich aber als „Vater der Sammlung“. Die Hohs haben bei Christie’s 150 Werke im Wert von 8,5 bis elf Millionen Pfund eingeliefert – Höhepunkte sind ein Blumenstück von Karl SchmidtRottluff und das feurige Avantgardewerk „Les fleurs“ von Natalia Gontscharowa. Hinten trägt es noch das Ausstellungsetikett von Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“. Es soll 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund kosten. Bei den russischen Sammlern sprudelt das Geld wie Öl. Nicht nur die Gontscharowa, viele der einst am Kunstmarkt marginalen Werke der Hohs sind nun heiße Ware.

Unbestritten ist, dass sie die Kunst mit ihrem Geld kauften, Eigentümer sind und das Recht zu dieser Versteigerung haben. Aber war es auch ihr Auge, das die Kunst erspähte? Laut Christie's Katalog sammelten sie mit „Neugier und kundigem Auge, verbunden mit extensiver Recherche“. Göbel dagegen behauptet, 90 Prozent der Werke seien direkt von ihm oder mit seiner Beratung gekauft worden und die Hohs hätten ihre eigene Sammlung einst als „Sammelsurium“ bezeichnet. Nun werde sie „aus Geltungssucht und Profitgier“ verkauft.

Göbel will es aber nicht dabei belassen, Respekt für seine geistige Urheberschaft zu fordern – einem Wunsch, der keine Rolle spielte, als die Sammlung ab 1998 unter dem Namen „Internationale Sprachen der Kunst“ durch deutsche Museen tourte. Göbel will auch am Wiederverkaufsgewinn beteiligt werden. Entsprechende Vereinbarungen mit den Hohs seien geschlossen. „Zwischen 20 und 50 Prozent“ waren ausgemacht, so die Kunstanwältin Astrid Müller-Katzenburg. Göbel ersteigerte Gontscharowas Bild 1985 in New York, damals für 210 000 Mark. Er habe sie an die Hohs nur unter dem Versprechen weiterverkauft, dass er am Wiederverkaufsgewinn beteiligt werde. Einige Millionen können da herausspringen. Schon horchen Kunsthändler und -agenten auf. Will die Rechtsanwältin, analog zum Folgerecht, auch ein Recht für Galeristen und Sammlungsberater durchsetzen, um sie an den Wertsteigerungen der von ihnen an Sammler vermittelten Kunstwerke zu beteiligen? Je größer der Kunstkuchen wird, desto mehr wollen an ihm teilhaben. Mit Abstand der größte Brocken in Christie’s rund 90 Millionen Pfund schwerer Auktion am 24. Juni ist aber ein weiteres Gemälde von Claude Monet. Keine zwei Monate nach dem New Yorker Rekordpreis für „Le pont du chemin de fer à Argenteuil“, im Mai für 41 Millionen Dollar versteigert, ist nun einer der besten späten Monets, die man kaufen kann, auf 18 bis 24 Millionen Pfund geschätzt. Es ist eines jener Seerosengemälde, für die vor einigen Jahren in der Londoner Ausstellung „Monet im 20. Jahrhundert“ die Menschen bis in die Nacht Schlange standen.

Heute ist ein gutes Seerosengemälde ein Sammlertraum. Die Hälfte der zehn teuersten Monets sind „Nymphéas“-Bilder. Christie's Cinemascope-Monet, eines der wenigen signierten Werke der Serie, das von Monet zu Lebzeiten verkauft wurde. Es ist also, betont Christie’s-Experte Olivgier Camus, keine Studie, „sondern ein voll ausgeführtes Meisterwerk“. Es war einst in der großen amerikanischen Sammlung Norton Simon, für die es heute ein Museum gibt und wird als Höhepunkt von 17 Werken aus dem Nachlass des amerikanischen Industriellen Irwin Miller versteigert.

Sotheby's Spitzenlose am 25. Juni sind Monets impressionistisches Strandbild Trouville, das sieben bis zehn Millionen Pfund kosten soll – eine niedrigere Schätzung als beim letzten Verkauf vor acht Jahren für elf Millionen Pfund. Die gleiche Schätzung hat eines der wichtigsten futuristischen Werke, das seit Jahren in einer Auktion war: Gino Severinis „Danseuse“, die einmal dem Guggenheim Museum gehörte. Sotheby's dürfte auch den teuersten Picasso der Woche haben: Eine weiteres Porträt von Dora Maar aus dem privaten Nachlass des Osloer Kunsthändlers Haaken Christensen: Die Einnahme, drei bis fünf Millionen Pfund, soll Médecins sans frontières zugute kommen.

Eine Woche später finden dann die bisher kostspieligsten Londoner Sommerauktionen statt. Alle Erfolgskünstler der letzten Auktionen treten erneut an: Francis Bacon, Lucian Freud und Jeff Koons. Christie’s offeriert einen Frauenakt von Freud mit einer Taxe von zehn bis 15 Millionen Pfund. Sotheby’s trumpft mit einem zehn bis 15 Millionen teuren Porträt von Bacon auf. Aber werden all diese Pläne in Erfüllung gehen und die Kunstpreise weiter mit den Ölpreisen steigen? Oder trifft nun die Wirtschaftskrise endlich auch den Kunstmarkt? Das billige Pfund wird helfen. Aber bei den Russlandauktionen vergangene Woche merkte man, dass sogar Russlands Superreiche vorsichtiger werden. Irgendwann, das wissen wir vom Gravitationsgesetz, ist der Preisauftrieb zu Ende.

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