Kultur : Jägers Sammler

Pechstein, Ernst, Campendonk: Zwei fingierte Kollektionen erschüttern den Kunstmarkt

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Der Skandal um die gefälschte Sammlung Jägers (Tagesspiegel v. 10.9.2010), zu dem sich mittlerweile die wohl ebenso fingierte Sammlung Knops gesellt, stellt die Gepflogenheiten des Kunstmarktes einmal mehr auf den Prüfstand – sollte man meinen. Es geht um Summen in zweistelliger Millionenhöhe, um die Reputation angesehener Auktionshäuser und um Experten wie die Kunsthistoriker Werner Spies oder Andrea Firmenich, die offenbar zahlreiche Fehlurteilen beisteuerten.

Dem Urvertrauen des Kunstkäufers scheinen solche Einsichten allerdings wenig anzuhaben. Die Versteigerungen der jüngsten Vergangenheit sieht der Berliner Auktionator Tilman Bassenge jedenfalls nicht tangiert. „Im letzten Herbst hatten wir durchaus gute Ergebnisse“, erklärt der Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer (BDK). „Ernsthafte Sammler haben auch vorher Wert auf sorgfältige condition reports gelegt.“

Dabei handelt es sich bei den gefälschten Werken von Max Pechstein und Max Ernst, von Louis Marcoussis oder Heinrich Campendonk längst nicht um regionale Einzelfälle. Die Affäre um den potenziellen Fälscherring der Sonderklasse mag ihren Auftakt im Kölner Kunsthaus Lempertz genommen haben, wo der Galerist Wolfgang Henze das Bild „Liegender weiblicher Akt mit Katze“ aus der vorgeblichen Sammlung Jägers als Pechstein-Original erwarb. Längst aber ist auch der Handel in London, Paris und der Schweiz betroffen, sind Museen ebenso involviert wie renommierte Privatsammlungen, weitere Auktionshäuser und Galerien.

„Die Provenienzfrage wurde eindeutig vernachlässigt“, sagt Fritjof Hampel, Bundesfachbereichsleiter für Kunst, Antiquitäten und Juwelen des Bundesverbands der Sachverständigen (BVS). „Dabei ist es gar nicht so schwierig, wenn man die kunsthistorische Stilkritik und die Herkunft beachtet. Bleiben dann Zweifel, hilft meist schon eine einfache Lichtanalyse. Ein nächster Schritt wäre die chemische Untersuchung. Die kritische Hinterfragung in mehrere Richtungen fehlt oft. Solch eine additive Checkliste sollte zur täglichen Arbeit gehören.“ Dem stimmt auch Stefan Simon zustimmen. Als Direktor des Rathgen Forschungslabors der Staatlichen Museen zu Berlin hat er jüngst mehrere der angeblichen Meisterwerke auf ihre Echtheit untersucht: „Naturwissenschaftliche Gutachten sind wichtige Mosaiksteine in einer ganzen Wissenspyramide. Wir arbeiten mit komplementären Methoden und prüfen auch die eigenen Analyseergebnisse mit verschiedenen Verfahren. In der Öffentlichkeit herrscht jedoch die irrige Vorstellung, das Labor prüft das jetzt auf Herz und Nieren und wird die Sache schon lösen. Wir können aber nur bestimmte und genau definierte Fragestellungen beleuchten.“

Der jüngste Zugang im ältesten konservierungswissenschaftlichen Institut der Welt ist ein Gemälde des Fauvisten André Derain. Zu den Details schweigt der sonst eloquente Wissenschaftler. „Matisse peignant à Collioure“ war mit dem verdächtigen Flechtheim-Aufkleber versehen, und – wie zwei weitere Gemälde Derains aus dieser Quelle – vom Autor des Werkverzeichnisses für authentisch befunden.

„Gerade bei Sensationsfunden sollte man nicht nur einen einzigen Experten befragen. Wir haben für bestimmte Epochen zeitbedingte Ideale, und man glaubt an das, was man gelernt hat“, sagt Tilman Bassenge. „Es ist vor allem ein Kommunikationsproblem.“ Zur besseren Verständigung baut der Bundesverband der Deutschen Kunstversteigerer eine „Datenbank kritischer Werke“ auf, für die vergangenes Jahr eine eigene Stelle eingerichtet wurde. Die Vernetzung unter den 35 Mitgliedern, aber auch mit Verfassern von Werkverzeichnissen und mit Künstlernachlässen soll so gefördert werden. Inzwischen wurden über 1000 Exponate erfasst.

Eine funktionierende Datenbank könnte den Kreislauf von Fälschungen eindämmen. Denn der Besitz eines Falsifikats ist nach deutschem Recht nicht strafbar. Wenn jedoch begründete Zweifel an der Echtheit eines Kunstwerks bestehen, es einmal erfasst wurde und später erneut angeboten wird, läge ein wissentlicher Handel nahe – und der kann durchaus geahndet werden.

Einen Erfolg bei der Bekämpfung von Fälschern erzielte 2009 das Kölner Auktionshaus van Ham gemeinsam mit der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst. „Die Fälscher haben nach Vorlagen gemalt, und da greift die unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke“, sagt Anke Schierholz, Justiziarin der VG Bild-Kunst. Die nötigen Indizien hatten die Einlieferer gleich mitgegeben: Auf einem Foto stand im Titel des zweifelhaften Bildes von Schmidt-Rottluff ein Schreibfehler, der im Original verbessert war. Trotz orthografischer Korrektheit konnten fünf angebliche Expressionisten eingezogen werden. Derart eindeutig sind Beweise selten, und Irrungen kennt die Kunstgeschichte zuhauf. Wie sich einst Wilhelm von Bode bei der Zuschreibung der „Flora“-Büste an Leonardo da Vinci von Gegenargumenten nicht erschüttern ließ, so ist auch Werner Spies nach wie vor von der Echtheit der sieben Max-Ernst-Werke mit „Jägers-Provenienz“ überzeugt.

„Ein Spezialist beschäftigt sich ja über Jahre mit einem Künstler und wächst so in die Rolle“, meint Fritjof Hampel. Anders als zertifizierte Kunstsachverständige stehen sie für Expertisen mit ihrem guten Namen ein. „Wir dagegen müssen eine Haftpflichtversicherung haben und werden im Vorfeld ausgiebigen Prüfungen unterzogen“, so Hampel. Der promovierte Kunsthistoriker sieht das Problem aber nicht nur im Hochpreisbereich. „Der Schaden durch gefälschte Kunst beträgt weltweit bis zwei Milliarden Euro. Da ist der Anteil des Massenmarktes höher als der der Highlights. Polizeiliche Ermittler gehen von etwa 30 bis 40 Prozent bei den Gemälden und von 50 bis 60 Prozent bei den Grafiken aus.“ Tilman Bassenge hält solche Zahlen für überzogen. „Falsifikate betragen weniger als ein Prozent des Angebots im Kunsthandel. Im Bezug auf den Umsatz von etwa fünf Milliarden wären das fünf Millionen Euro; alles andere ist Quatsch und beruht auf Unwissenheit.“

Im Fall der falschen Sammlung Jägers sind solche Summen allerdings längst überschritten. Allein 45 Werke, für die Sammler teils Spitzenpreise von mehreren Millionen Euro bezahlt haben, werden derzeit wissenschaftlich untersucht. Eine der beiden Jägers-Enkelinnen ist inzwischen gegen Kaution auf freiem Fuß. Dringender Tatverdacht bestehe weiterhin, sagt Tino Seesko, Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln. Man gehe jedoch nicht mehr von einer Fluchtgefahr aus. Bei dem Enkel der ähnlich dubiosen Sammlung Knops, Otto Schulte-Kellinghaus, scheint sie gegeben. Somit befinden sich drei der insgesamt sieben Beschuldigten weiterhin in Untersuchungshaft. Ein Prozessauftakt ist noch nicht in Sicht. Ob der Fall einen Paradigmenwechsel im diskreten Handel mit der Kunst einleitet, wird sich zeigen. Doch auch die Käufer rüsten sich: Spätestens im Juni will ein Workshop in Brüssel neue Verbindlichkeiten zu Haftung und Rückgabe von Galerien wie Auktionshäusern erarbeiten. Auftraggeber sind mehrere große Unternehmenssammlungen, die nicht länger auf die Selbstheilungskraft des Handels vertrauen.

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