Kultur : Jagd auf Karadzic: Im Fadenkreuz

Stephan Israel

Das Kommando der Nato-Friedenstruppe in Bosnien (Sfor) musste sich am frühen Donnerstagmorgen seiner Sache ziemlich sicher sein: In einem Radius von 40 Kilometern wurde das Dorf Celebici im Osten Bosniens mit einem Großaufgebot von Soldaten umstellt. Telefon- und Stromleitungen waren mit Beginn der Razzia nach dem meist gesuchten Kriegsverbrecher auf dem Balkan abgeschaltet worden. Mehrere Helikopter landeten am Dorfrand, Schüsse und Explosionen seien zu hören gewesen, meldeten Zeugen. Trotz offizieller Geheimhaltung durch das Sfor-Kommando in Sarajevo war schnell klar, dass die Verhaftung des seit sieben Jahren flüchtigen Serbenführer Radovan Karadzic Ziel der groß angelegten Operation sein musste. Nach hektischen Stunden schliesslich am frühen Nachmittag vom Nato-Sprecher das Eingeständnis des peinlichen Flops: Entweder war Radovan Karadzic an diesem Tag gar nicht in Celebici oder er konnte seinen Häschern einmal mehr rechtzeitig entkommen. Magere Ausbeute der Großaktion: ein immerhin beachtliches Waffenlager in einem der Bauernhöfe.

Eigener Mythos

Die 20 000 Mann starke Sfor-Truppe hat am Donnerstag ein neues Kapitel einer endlosen Jagd nach dem Phantom Radovan Karadzic geschrieben. Der Serbenführer darf sich darüber freuen, dass sein Mythos einen kräftigen Wachstumsschub verpasst bekommt. Dieser Mythos setzt sich aus vielen gescheiterten Versuchen zur Festnahme zusammen. Noch nie ist die Nato-Truppe bei ihren Bemühungen allerdings so öffentlich gescheitert, denn in der Regel blieben die Versuche diskret und wurden anschließend bestenfalls als Gerüchte kolportiert. Ein erster Anlauf soll bereits 1997 geplatzt sein. US-Militärkreise beschuldigten damals einen französischen Offizier, den Plan Radovan Karadzic frühzeitig gesteckt zu haben. Für einige Zeit konnte sich der Serbenführer darauf sicher fühlen. Sein Aufenthaltsort sei unbekannt und überhaupt trage eine Festnahmeaktion das Risiko eines Blutbades. Zum Mythos des unsichtbaren Flüchtigen gehört, dass er von mehreren Dutzend schwer bewaffneten und äußerst treuen Leibwächtern beschützt wird.

Wie ein Fisch im Wasser

Vergangenen Sommer demonstrierte die Bosnien-Friedenstruppe auch auf Druck der energischen Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte wieder einmal Entschlossenheit. Nicht zufällig ging im Osten Bosniens die Übung mit dem passenden Namen Cerberus, dem dreiköpfigen Wachhund aus der griechischen Mythologie, über die Bühne. 2000 Sfor-Soldaten übten in dem Gebiet, in dem inzwischen der Zufluchtsort von Radovan Karadzic vermutet wurde. Auch das Dorf Celebici liegt in dem unwegsamen Gelände nahe der bosnischen Grenze zu Montenegro.

Spätestens seit vergangenem Jahr ist es kein Geheimnis mehr, dass der Topangeklagte des Haager Tribunals in diesem Grenzgebiet sich bewegen kann wie ein Fisch im Wasser. Die Region gilt als eigentlicher Dschungel mit hohen Bergen und tiefen Schluchten. Die Behörden auf beiden Seiten der Grenze pflegen seither zu dementieren, dass sich der Gesuchte in ihrem Einflussbereich befindet. Das Dementi ist immer die halbe Wahrheit: Radovan Karadzic wechselt je nach Sicherheitslage von der einen auf die andere Seite. Und hier wie dort sagten die Bewohner der Dörfer, jedem der es hören will, dass für sie der Serbenführer noch immer ein Idol ist, das man nicht einmal für die fünf Millionen US-Dollar Kopfgeld verraten würde.

Der Mythos Radovan Karadzic hat längst ein Eigenleben entwickelt. Zweifelhafte Blätter der Region meldeten schon mehrfach voreilig seine Verhaftung. Als Zeitungsente gilt auch die Story vom vergangenen Jahr, wonach bei einem gescheiterten Versuch zehn Männer einer britischen Sondereinheit ums Leben gekommen seien. Niemand hat Radovan Karadzic die letzten Jahre tatsächlich gesehen. Der Serbenführer habe seinen Haarschopf rasieren lassen, trage einen wallenden Bart und tarne sich als orthodoxer Mönch, wird in einschlägigen Kreisen kolportiert. Seit Jahresbeginn schien sich allerdings das Netz um den flüchtigen Kriegsverbrecher immer enger zu ziehen und Gerüchte über eine bevorstehende Festnahme häuften sich. Einmal sind es britische Spezialisten, dann wieder US-Rangers, die im Anmarsch sein sollen. Selbst die betagte Karadzic-Mutter Jovanko bekommt im Heimatort in Montenegro hohen Besuch. Ihr Sohn möge sich dem Haager Tribunal doch freiwillig stellen, so die dringliche Bitte des US-Diplomaten. Unter Druck aus Washington beendet Serbiens staatliche Ölfirma wie durch ein Wunder per 15. Februar die Geschäftsbeziehungen mit einem gewissen Luka Karadzic. Dieser soll über Einnahmen aus lukrativen Tankstellen in Belgrad die Bewachung seines angeklagten Bruders finanziert haben.

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