Kultur : Jagd nach dem Weltgeist

Die Erfindung der Kunst aus dem Geist der Reportage: Robert Rauschenberg zum 80. Geburtstag

Christina Tilmann

Das Bild zur aktuellen Vogelgrippe-Epidemie entstand schon 1955/58, heute ist es im Besitz des Museums Ludwig in Köln. „Odalisque“ zeigt ein ausgestopftes Huhn auf dem Dach eines Käfigs, darin eine einzelne Hühnerfeder und jede Menge Bilder, Postkarten, Comics und Pin-ups. Dass er ein Tierfreund war, hat Vater Rauschenberg seinem Sohn Robert sehr übel genommen – und nicht nur das. Dass er einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts werden sollte, war dem in Port Arthur, Texas, geborenen Sohn eines Ölarbeiters keineswegs in die Wiege gelegt: Bis er zwanzig war, hatte er noch nie ein Museum betreten. Doch dann traf es ihn wie ein Blitz: „Ich habe zum ersten Mal begriffen, dass ein Mensch Künstler sein kann.“

Der Vater, begeisterter Jäger, hätte wohl eine andere Karriere vorgezogen: 1942 brach Robert Rauschenberg sein Pharmaziestudium an der University of Austin aus Protest gegen Tierversuche wieder ab. Ein Jäger jedoch ist auch der Sohn geworden: nach Materialien, Ländern, Themen, Erfahrungen. Man könne auch aus einer Socke ein Bild machen, lautet sein bekanntes Diktum, und nicht nur Socken, sondern auch Betten, Schrottautos, Fallschirme, Besen, Colaflaschen, ausgestopfte Ziegen, Ofenrohre oder Schlamm dienen ihm als Material. Mit den „Combine Paintings“, den zwischen 1950 und 1959 entstandenen Sperrmüll- Objekten, wurde er berühmt.

Doch als Collagisten in der Nachfolge von Duchamp und Schwitters allein wird man ihm nicht gerecht. Auch nicht mit dem Label „Pop-Art“, als deren Protagonist er neben Warhol und Lichtenstein gilt. Es ist etwas Chamäleonhaftes um Robert Rauschenberg, der sich in seiner Kunst immer wieder neu erfunden hat: von den „Combines“ über Siebdrucke bis zu schwarz-weißen Abstraktionen, Zeichnungen und Fotografien. Auch als Bühnenbildner und Kostümdesigner für Merce Cunningham, als Freund von John Cage und Schaufensterdekorateur für Tiffany’s hat er bis Mitte der Sechziger gearbeitet, in New Yorks wilden Jahren. Wenn Guggenheim-Direktor Thomas Krens ihn 1997, anlässlich der überquellenden New Yorker Retrospektive, die später abgespeckt im Museum Ludwig zu sehen war, in eine Reihe mit Picasso stellt, ist damit auch die technische Vielfalt und artistische Virtuosität des Künstlers gemeint.

Und doch wurde es stiller um Robert Rauschenberg. 1980 war sein Werk in einer Retrospektive auch in Berlin zu sehen und galt, vor dem Hintergrund der Pop-Art, als abgeschlossen. Der umtriebige, stets neugierige Weltgeist Rauschenberg kennt trotzdem keinen Halt. Für „ROCI“ (Rauschenbergs Overseas Cultural Interchange), ein auf sieben Jahre angelegtes Großprojekt, reiste er, der sich mindestens so sehr als Reporter wie Künstler sieht, ab 1984 rund um die Welt, nach Chile, Kuba, Deutschland, Russland, China und Japan. „Kampf gegen die Weltkrise statt die Midlife Crisis“ hatte sich der damals Sechzigjährige vorgenommen. In den Neunzigern fuhr er lieber in die Armenviertel der Latinos in Los Angeles, fotografierte und recherchierte dort. Seither arbeitet er noch immer am Großwerk „The 1/4 Mile or 2 Furlong Piece“, das am Ende eine Viertelmeile lang sein soll.

Seit Ende der Sechzigerjahre lebt Rauschenberg auf der kleinen Insel Captiva Island in Florida. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

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