Jagd und Macht : Politik auf der Pirsch

Von den Hohenzollern über Hindenburg zu Honecker: Burghard Ciesla, Helmut Suter beschreiben das Jagdgebiet Schorfheide als Ort, wo seit 100 Jahren Politik gemacht wird.

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Zwei Jäger. Erich Honecker (links) und Günter Mittag. Foto: p-a
Zwei Jäger. Erich Honecker (links) und Günter Mittag. Foto: p-aFoto: picture-alliance / ZB

Draußen auf der Jagd wird die große Weltpolitik gemacht“, verriet Günter Mittag, seinerzeit Sekretär für Wirtschaft im ZK der SED. Bismarck bekannte, dass „niemals so viel gelogen (werde) wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“. Und Görings Grundsatz lautete: „Die Jagd ist auch in politischer Hinsicht wichtig … Auf der Pirsch lassen sich die Probleme oft leichter meistern als am grünen Tisch.“

Das Thema „Jagd und Macht“ liegt also auf der Hand und die Schorfheide, rund 50 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, ist dafür ein gutes Beispiel. Seit mehr als tausend Jahren galt die Schorfheide als auserwähltes Jagdrevier der Prächtigen und Mächtigen, „deutsche Herrschaftsgeschichte“ sei hier über einen langen Zeitraum hinweg geschrieben worden, heißt es im Vorwort.

Die Schorfheide war das Lieblingsrevier der Hohenzollern, sie wurde auch in der demokratischen Weimarer Republik weidlich genutzt, und National- und Staatssozialisten führten das privilegierte Jagen bruchlos fort. So blieb es bis zum Ende der DDR. Heute ist Ruhe eingekehrt, die Mächtigen haben sich auf andere Reviere zu beschränken. Seit 1990 ist die Schorfheide ein Teil des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Eine geschützte und beruhigte Naturlandschaft.

Mehr als tausend Jahre Geschichte in den Blick zu bekommen und dann auch noch Hintergründe zum Thema „Jagd und Macht“ zu liefern, ist ein gewaltiges Vorhaben. In fünf geschichtlichen Abschnitten haben Burghard Ciesla und Helmut Suter ihr Terrain abgesteckt. Das reicht von den Markgrafen und Kurfürsten im 12. Jahrhundert bis 1688 über Könige und Kaiser bis 1918, die Weimarer Republik bis 1933 und schließlich den Nationalsozialismus und die DDR.

Woher die Schorfheide ihren Namen hat, sei schwer eindeutig zu bestimmen, schreiben die Autoren. Erstmals urkundlich erwähnt worden sei sie 1574, doch erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Name gebräuchlich.

Leider werden Hintergründe zum Thema „Jagd und Macht“ nur sporadisch vertieft. So liest man etwa, dass der sozialdemokratische Ministerpräsident Preußens, Otto Braun, mit Paul von Hindenburg, dem Repräsentanten des alten Regimes und „Weimarer Ersatzkaiser“ zu ausgedehnten Landpartien zusammenkam. Braun und Hindenburg waren konträre Charakter und politische Gegner – doch mit dem Jagdgewehr in der Hand überbrückten sie die Gegensätze und fanden auf dem „kurzen Weg“ zur Verständigung.

Ähnliches gibt es von Leonid Breschnew und Erich Honecker zu berichten. Ihre Jagdleidenschaft wurde sogar Walter Ulbricht zum Verhängnis. Auch Breschnew und Honecker verständigten sich so auf „kurzem Weg“ über die kommenden Machtverschiebungen, Chruschtschow und Ulbricht blieben auf der Strecke.

Auf Fotos sieht man die beiden in der Schorfheide im Oktober 1964 fröhlich und beschwingt beisammenstehen und im Gleichschritt untergehakt am Waldesrand schlendern. Die Autoren sprechen von einer „folgenreichen deutsch-sowjetischen Jagdfreundschaft“. Wenige Tage nach ihrer Begegnung in der Schorfheide wurde Chruschtschow abgelöst und Breschnew zum Nachfolger ernannt. Die Entmachtung Ulbrichts folgte im Mai 1971. Die Entscheidung fiel in einem Vieraugengespräch zwischen Honecker und Ulbricht, auch dies in der Schorfheide: in der Sommerresidenz am Großen Döllnsee.

Später wurde Günter Mittag zum Partner Honeckers auf der Jagd: „Honecker und Mittag waren wie ein Paar linke Latschen“, erinnerte sich ein ehemaliger Mitarbeiter. „Was der eine im Haus hatte, musste der andere auch haben. Was der eine auf der Jagddatscha hatte, musste der andere auch haben. Besorgt hat es Günter Mittag.“

Auch der Industrielle Berthold Beitz, der Vorstandsvorsitzende des Krupp- Konzerns, war in den 1980er Jahren mehrfach zu Gast im Jagdschloss Hubertusstock, noch im November 1988 ein letztes Mal.

Wie sehr die Verbindung von Jagd und Macht aber letztlich unergründbar bleibt, verdeutlichen die Autoren bereits im Vorwort. In Archiven und Geschichtsbüchern ist wenig Konkretes zum Thema zu finden, selten gibt es ein aussagekräftiges Dokument. Manchmal ist etwas in Erinnerungen, Tagebüchern oder Zeitzeugenberichten zu entdecken, aber die Mächtigen legen viel Wert auf Verschwiegenheit und Diskretion. „Nur nichts Geschriebenes hinterlassen“, lautet das Motto, „und wenn doch, dann nichts Unterschriebenes.“ So sind die Geschichtsschreiber, auch wenn sie absolute Fachleute sind, auf Mutmaßungen und Andeutungen angewiesen: Burghard Ciesla ist Historiker und Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Potsdam. Sein Blick ist auf die DDR-Geschichte gerichtet. Ko-Autor Helmut Suter leitet das Schorfheidemuseum in Groß Schönebeck und ist Jagdhistoriker. Im Schorfheidemuseum ist auch eine Ausstellung zum Thema zu sehen.

Mag sein, dass den beiden Autoren diese Expertise ein wenig im Wege stand, um das Material schlüssig und spannend zu bündeln. Zu selten erzählen sie, oder streuen sie Anekdoten ein und halten sich dafür zu lange mit zeitgeschichtlichen Hintergründen auf, die mit der Schorfheide nur entfernt etwas zu tun haben. Der Inhalt liefert so nicht ganz, was die Überschrift über die Beziehung zwischen „Jagd und Macht“ zu enthüllen versprach.

Burghard Ciesla, Helmut Suter: Jagd und Macht. Die Geschichte des Jagdreviers Schorfheide. be.bra verlag, Berlin 2011. 256 Seiten, 24,95 Euro.

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