Kultur : Jagen, fischen, malen

Karl Hagemeisters Natur-Kunst im Bröhan-Museum.

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Mohnfeld. Gouache von Karl Hagemeister aus dem Jahr 1875. Foto: Angela Bröhan
Mohnfeld. Gouache von Karl Hagemeister aus dem Jahr 1875. Foto: Angela Bröhan

Der Wind zaust die blaugrünen Roggenhalme und lässt ihre silbernen Ähren zittern. Am Himmel hängen schwere Wolken. Karl Hagemeister zeigt das Pastell „Wogendes Roggenfeld“ 1905 bei der zehnten Ausstellung der Berliner Secession. Das Bild steht gleichermaßen für die Frische des Frühsommers wie für die Ideale des Künstlers. Er will die Bewegung und das Wachstum der Natur festhalten.

„So ist meine Kunst nur Natur“ hat das Bröhan-Museum seine leuchtende Ausstellung mit einem Zitat des Künstlers überschrieben. Die zarten Pastelle lassen Hagemeisters Kraft erkennen. In seiner Malerei zeigen sich aber auch die Grenzen des Mitbegründers der Berliner Secession. Geboren im Revolutionsjahr 1848 in Werder als Kind von Obstbauern, arbeitete er zunächst als Lehrer in Pankow, studierte dann bei Friedrich Preller an der Zeichenschule in Weimar. Mit dem österreichischen Maler Carl Schuch reiste er nach Italien und später nach Frankreich, wo die beiden die Freilichtmalerei der Impressionisten kennenlernten. An Edouard Manet zerbricht die Freundschaft. Hagemeister verlässt Paris und zieht sich in seine Heimat an der Havel zurück, lebt in Ferch oder gegenüber von Werder am Entenfang bei Geltow. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Fischen und Jagen. Höchste Instanz in seiner Kunst wird die Natur. Seine Motive sind zunächst der Wald, dann das Wasser, erst die Mark, später die Ostsee.

Menschen tauchen nur als Randfiguren auf. Bei seinen Streifzügen beobachtet Hagemeister das Licht über dem Schwielowsee, das Abendrot über den Sümpfen oder die Seerosen in einem Waldteich. Seine Mark Brandenburg sieht wilder und abwechslungsreicher aus als heutige Ausflügler sie kennen. Statt unendlicher Spargelfelder gliedern Gebüsche die Wiesen, statt knisternder Kiefernmonokultur verschatten Laubbäume den Waldboden. Der Künstler versteht sich als Teil der Natur, nicht als außenstehender Beobachter. In den Pastellen gelingt ihm der fließende Übergang vom Seeufer zum Wald. In der Ölmalerei baut Hagemeister sein Bild solide von unten nach oben auf, dem Wachstum der Bäume entsprechend. Er nutzt selten den Pinsel, sondern streicht die Farbe mit den Fingern oder den Handballen auf die Leinwand. Die fleckige Birkenrinde, die Lichtsprengsel unter dem Buchenlaub erhalten dadurch eine Lebhaftigkeit. Aber den Gemälden fehlt mitunter der Raum. Bei den Jagdstücken steht der Jäger dem Maler im Wege. Hagemeister will die Tiere realistischer malen als Gustave Courbet, doch erscheinen die Damwildkuh und der erlegte Rehbock eindimensional.

Trotz seines zurückgezogenen Lebens betreibt Hagemeister seine Kunst professionell und stellt kontinuierlich aus. In den 1910er Jahren setzt ein kleiner Boom auf seine Bilder ein, die Inflation frisst jedoch das verdiente Geld wieder auf. Der Aussteiger behält seine genügsame Lebensweise bei. Sein größter Luxus besteht in einem Boot, mit dem er Freunde besucht, das Daunendeckbett an Bord. Simone Reber

Ausstellung „So ist meine Kunst nur Natur“, Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, bis 2. September. Di-So 10 - 18 Uhr

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