Kultur : Jagt sie!

Wie das Radio bei der Verfolgung der Tutsi in Ruanda hetzte: eine Reinszenierung im HAU.

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Als der Radiosender RTML im Juli 1993 erstmals in Kigali auf Sendung ging, war das eine Sensation. Statt endloser Wortbeiträge wurde hier die neueste Musik gespielt, und die Moderatoren sprachen mit den Hörern locker und umgangssprachlich. Schnell wurde RTML zum populärsten Sender Ruandas, wo nur wenige einen Fernseher haben oder Zeitung lesen, aber jeder ein Radio besitzt, selbst auf dem entlegensten Hügel. Nun aber entpuppte sich RTML als Propagandastation der rassistischen Hutu-Extremisten. Immer aggressiver droschen Moderatoren und Anrufer verbal auf die Tutsi-Minderheit ein – die Kakerlaken, die man zertreten müsse.

Die Theatertruppe „International Institute for Political Murder“ hat jetzt unter ihrem Schweizer Regisseur Milo Rau eine Sendestunde von RTML im Berliner HAU 2 rekonstruiert. Sie ist aus Versatzstücken aus der Zeit des 100-tägigen Genozids zusammengesetzt, bei dem im Frühjahr 1994 bis zu einer Million Tutsis und moderate Hutus auf teils bestialische Art ermordet wurden. Den Prolog und Epilog von „Hate Radio“ bilden Zeugnisse von Opfern und Gerichtsaussagen des italo-belgischen Moderators George Ruggiu („der weiße Hutu“), die feierlich nachgespielt und groß auf eine Jalousie projiziert werden.

Es ist also ein enthüllender Effekt, als sich die Jalousie hebt und man in einen Glaskasten blickt, einem Terrarium gleich, in dem die drei RTML-Moderatoren, ein Techniker und ein Soldat sitzen, nervös herumlaufen, scherzen und rauchen. Das Studio wurde nach den Skizzen der einst beliebtesten Sprecherin Ruandas angefertigt, die die Theaterleute im Gefängnis in Kigali trafen. Valérie Bemeriki verbüßt dort eine lebenslange Haftstrafe. Auch sonst hat der Regisseur Milo Rau peinlich Wert auf historische Korrektheit gelegt, etwa, dass die Moderatoren Pistolen trugen. Oder dass Anrufer meldeten, wohin Tutsis geflüchtet sind. „Jagt sie!“, brüllt Bemeriki, gespielt von Nancy Nkusi, die man über Kopfhörer hört, als ob man Radio hören würde.

Steve Ruggiu (gespielt von Sébastien Foucault) ist für die manipulierten Nachrichten und Machiavelli-Zitate verantwortlich, er spricht Französisch. Kantano Habimana (Dorcy Rugamba) reißt auf Kinyarwanda makabre Witze: „Braut uns Bier, damit wir Spaß haben“, wie man in der deutschen Übertitelung liest. Die Hutus fordert er auf, Gras zu rauchen, um die Tutsis mitleidloser töten zu können. Während des Genozids fungierte der Sender als Kommunikationszentrale der Mörder. Berimiki, Ruggiu und Habimana dirigierten sie zu ihren Opfern und wurden zu Stars, die mit Eskorte zum Sender gebracht wurden. Und sie spielten den Soundtrack zum Genozid: afrikanischer Pop, Folklore, Bruckner und als Gipfel des Zynismus: Nirvanas „Rape Me“.

Vor wenigen Tagen feierte „Hate Radio“ in Kigali an eben dem Ort Premiere, an dem sich einst das Studio von RTML befand. 17 Jahre nach den Ereignissen war das ein Wagnis, das von den reservierten Ruandern aber mit großem Interesse angenommen wurde. Dem Re-Enactment Theater wird oft vorgeworfen, historische Ereignisse unter Vortäuschung von Authentizität zu verfälschen und reales Erleben zu simulieren. Im Glaskasten von „Hate Radio“ sieht man hingegen ein Experiment, das die mörderische Wirkung von Sprache untersucht. Am Ende scheint der Kasten vor Hass zu bersten.

Wieder am heutigen Samstag und am Sonntag, 20 Uhr, im HAU 2. Infos: www.hebbel-am-ufer.de. Die ARD-Kultursendung „Titel Thesen Temperamente“ zeigt am Sonntag, 23 Uhr, einen Beitrag über die Aufführung in Kigali.

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