Kultur : Jahr des Hundes

Das Festival „Umweg über China“ im HAU

Sandra Luzina

Fünfzig chinesische Künstler sind zum Festival „Umweg über China“ im Hebbel am Ufer angereist, bei der demnächst beginnenden Documenta werden dagegen 1001 Chinesen erwartet. Minderwertigkeitskomplexe hat die HAU-Delegation aber keine, im Gegenteil. Denn als die Kuratorin Carina Schlewitt in China das Festival vorbereitete, war sie überrascht von den enthusiastischen Reaktionen. Bald fand sich eine Erklärung: Das Kunstwort HAU hat nämlich eine lautliche Entsprechung im Chinesischen, es bedeutet so viel wie gut. HAU 1, 2 und 3 – das lasen die Chinesen als: dreifach gut!

Das HAU wiederum stellt sich der Herausforderung Chinas auf seine Weise – verstärkter diskursiv. Bis zum 10. Juni präsentiert es eine unabhängige Kunstszene, deren Arbeiten erstaunlich radikal sind und Auskunft geben über die rasanten sozialen Veränderungen der boomenden Wirtschaftsmacht. Das Programm umfasst Videokunst und Installationen, Konzerte und Filme sowie Theater- und Tanzperformances. Dazu gibt es Vorträge über die chinesische Kulturindustrie oder die neue Subjektivität.

Und es begann auch gleich hochkarätig. Seinen Titel „Umweg über China“ hat das Festival einer Publikation des französischen Philosophen Francois Julien entliehen. In seinem Eröffnungsvortrag sagte Julien, das chinesische Denken stelle eine Bewährungsprobe für Europa dar, es sei – ganz im Geiste Foucaults – das „Anderswo“ des Denkens. Durch diesen Ortswechsel könne man sich das, was ungedacht ist in der europäischen Vernunft, bewusst machen.

Die „Klüfte“ zwischen den chinesischen und europäischen Konzepten wurden besonders anschaulich, als Julien die unterschiedlichen Ideen von Glück und Wirksamkeit erläuterte. Auch wenn die Gegenwartsdiagnose zu kurz kam: Juliens anregender Vortrag war ein Plädoyer wider die Denkfaulheit. Diese manifestiere sich, so Julien, auch in der Auffassung, China sei das mystische Gegenstück zur europäischen Vernunft, also dessen fantasmatische Umkehrung. Dass wir in der Auseinandersetzung mit China auf uns selbst stoßen – das wurde allerdings zu einer Prophezeiung, die sich gleich fatal einlöste. Wer die chinesische Punkband Joyside hören wollte, musste erst mal den umtriebigen Jim Avignon erdulden, der sich hinter dem Konterfei des lachenden Mao verbarg und unverdrossen sein Keyboard traktierte.

Der Chinaboom in der bildenden Kunst schlägt sich auch im HAU-Programm nieder. Unter dem Titel „Cross Infection“ zeigt das HAU 1 die Arbeiten von Wang Jianwei, einem der bahnbrechenden Videokünstler Chinas. Sein Werk umfasst sowohl Dokumentarfilme als auch Kunstvideos mit ausgesprochen opernhaftem Charakter. Wie man die Realität manipulieren kann, das untersuchen wiederum Li Yu und Liu Bo in ihrer Fotoserie „13 Monate im Jahr des Hundes“ im HAU 2. Die beiden Künstler aus Wuhan sammelten ein Jahr lang Meldungen aus lokalen Tageszeitungen und stellten sie theatral nach. Aus alltäglichen Nachrichten über herumirrende Mönche, Überfälle und Vergewaltigungen wurden so knallbunte Fiktionen und sensationsheischende Sex & Crime Stories.

Schwieriger war die Auswahl in den darstellenden Künsten. Viele Theaterproduktionen sind süßliche Seifenopern. Und der freie Tanz steckt noch in den Kinderschuhen. Mit dem Living Dance Studio stellt das HAU die Pioniere der unabhängigen Tanzszene in China vor. Die Choreografin Wen Hui und der Filmregisseur Wu Wenguang arbeiten an einem dokumentarischen Tanztheater, das so politisch wie poetisch ist. Am Rande von Peking haben sie sich eine work station geschaffen, die sie immer wieder für kleine interdisziplinäre Festivals öffnen. Staatliche Gelder erhalten sie keine, sie sind nicht mal offiziell anerkannt, und nur dank der Unterstützung durch ein europäisches Produzentennetzwerk können sie weiter ihre kompromisslosen Stücke produzieren.

„Report on 37,8°“ diagnostiziert eine erhöhte Temperatur. Das Stück ist vor dem Hintergrund der Infektionskrankheit Sars entstanden, die sich in China 2003 ausbreitete und die Atmosphäre im Land schlagartig veränderte. Das Stück zeigt ein Klima des Misstrauens und der Paranoia. Eine Frau schrubbt eifrig Puppenhände. Von Mund zu Mund wird eine Spielkarte weitergereicht – so überträgt man Ängste. Die verkörpern sich in einer weißen Vogelfrau, die an Plastikschläuchen hängt. „Report on 37,8°“ ist zwar symbolisch überfrachtet, doch Wen Hui gelingen immer wieder groteske Bilder.

Aufschlussreicher ist die zweite Arbeit des Living Dance Studio. „Report on Giving Birth“ basiert auf Interviews mit Frauen zwischen 25 und 90 Jahre, die berichten, wie sie die Geburt ihrer Kinder erlebt haben. Das HAU zeigt das Stück als Stationen-Drama. Man wandelt zwischen den Frauen auf Futons umher und ist mitten im szenischen Geschehen.

„Report on Giving Birth“, 5. und 6.6., 21 Uhr im HAU 2

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