Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz : Der freie Blick

Von der Museumsinsel zur Staatsbibliothek: das Jahrbuch 2013 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wirft den Blick zurück und zugleich nach vorn.

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Blick in den Lesesaal der Staatsbibliothek am Kulturforum.
Blick in den Lesesaal der Staatsbibliothek am Kulturforum.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Es war ein Jahr der Festlichkeiten in der Arbeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Fertigstellung des neuen Hauptlesesaals in der Staatsbibliothek Unter den Linden, Grundsteinlegung für das Eingangsgebäude zur Museumsinsel – und vor allem gab es 2013 die Grundsteinlegung des Humboldtforums auf der Baustelle der Schlossreplik.

Der Höhepunkt der Sammlungstätigkeit – deshalb von Stiftungspräsident Hermann Parzinger an den Anfang seines alljährlichen Rechenschaftsberichts gestellt – wurde indessen 2014 gefeiert: die Erwerbung der Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts. Wie kein anderer Zugang versinnbildlicht diese Erwerbung die veränderte Akzentuierung der Stiftungstätigkeit hin zu einem wahrhaft global ausgerichteten Wissensspeicher und -vermittler.

2013 war auch das Jahr, in dem die „Machbarkeitsstudie“ zu dem geplanten Neubau eines Museums sei es der Kunst des 20. Jahrhunderts, sei es als Erweiterung des Bode-Museums für die Gemäldegalerie, abgeschlossen wurde. Die Entwicklung ist seither über die damals noch offene Frage – Moderne-Museum oder Gemäldegalerie – hinweggegangen, zugunsten des Ersteren, und auch der Standort auf oder an dem seit Jahrzehnten vernachlässigten Kulturforum scheint entschieden. Da kommt der Hauptbeitrag des Jahrbuchs, das sich mit dem Jahr 2013 beschäftigt, gerade recht: Martin Hollender liefert mit seinem Aufsatz „Die Staatsbibliothek am Kulturforum“ eine „politische Baugeschichte“ dieses Areals. Hollender, selbst an der Stabi tätig, gibt die doppelte Begründung für das durch den Mauerbau 1961 ins urbane Abseits geratene, von Ruinen markierte Gelände. Eben gegen die Mauer sollte die Errichtung der westlichen Staatsbibliothek ein Zeichen setzen, ein Zeichen des Behauptungswillens West-Berlins wie des Anspruchs auf Wiedervereinigung. Zugleich sollte die NS-Vergangenheit dieses für die Speer-Planung der „Welthauptstadt Germania“ so zentralen Areals im Wortsinne „überbaut“ werden.

Die großzüge Verglasung des Lesesaals: symbolischer Hinweis auf die Gedankenfreiheit

War zunächst an die Realisierung eines Entwurfs von Senatsbaudirektor Werner Düttmann per Direktauftrag gedacht, brachte der auf Druck des Bundes doch noch ausgeschriebene Architektenwettbewerb ein anderes Ergebnis: Hans Scharoun, der eben erst mit der Philharmonie den Erstling des Kulturforums geschaffen hatte, wurde 1964 mit dem Entwurf der Staatsbibliothek beauftragt. „Die Wahl Scharouns bedeutete somit“, schreibt Hollender, „nicht allein die endgültige politische Rehabilitierung und ein verspätetes Anerkennen seiner architektonischen Genialität, sondern mehr noch die Bereitschaft, sich der Vergangenheit durch progressive Lauterkeit zu stellen.“

Was dann in den vierzehn Jahren bis zur Eröffnung im Dezember 1978 folgte, ist eine der für Großprojekte so bezeichnenden Geschichten von Verzögerungen und Kostensteigerungen. Mit 90 Millionen DM war der Bau anfangs kalkuliert worden, am Ende standen 207 Millionen DM zu Buche. Scharoun, nicht eben als Verfasser exakter Pläne bekannt, sondern eher aus dem Handgelenk heraus skizzierend, verstarb 1972. Sein Mitarbeiter Edgar Wisniewski brachte in der Folge die Vorstellungen des Meisters aufs Planpapier. Doch nicht um die sich hinziehende, auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Ganzes an den Rand der Zahlungsfähigkeit bringende Baugeschichte geht es Hollender, sondern um die politischen Implikationen des Bauwerks selbst. „Die großzügige Verglasung des Lesesaals wie auch seine Weite, die Raumbegrenzungen kaum erkennen lässt, sind ebenfalls als symbolische Hinweise auf die in diesem Haus zugelassene Gedankenfreiheit, auf die weltanschauliche Freizügigkeit und die ideologiefreie Transparenz der bibliothekarischen Arbeit zu verstehen.“

All das wurde überwölbt von der Frontstellung des Kalten Kriegs. Die damalige, stiftungsoffizielle Sicht der Dinge beschreibt Hollender in aller Deutlichkeit: „Über vierzig Jahre hinweg bestand ein breiter Konsens in Westdeutschland, das Andenken an die Preußische Staatsbibliothek nicht wehrlos in die Hände der ostdeutschen Sozialisten zu legen, sondern die erhaltenswerten Traditionen der preußischen Zeiten unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mithin unter einem renovierten, demokratischen Antlitz zu pflegen, auszubauen und weiterzuführen.“

Heute, 25 Jahre nach dem Ende der Teilung, lohnt es sich, diese spezifisch deutsch-deutsche Baugeschichte in Erinnerung zu rufen, wenn denn nun tatsächlich die Entscheidung zur Vollendung des damals aus dem Nichts geschaffenen und noch längst nicht so benannten Kulturforums fallen sollte. Andere Beiträge des wie immer gewichtigen, diesmal 520 Seiten umfassenden Jahrbuchs beschäftigen sich mit den Staatlichen Museen zur NS-Zeit – ein Abstract des entsprechenden, 2013 erschienenen Buches von Jörn Grabowski und Petra Winter – oder auch, so Martin Warnke, mit der eigentümlichen Geschichte des Gemäldes „Der Mann mit dem Goldhelm“, das vor genau 100 Jahren zum Gipfel Rembrandt’scher Kunst emporgejubelt und seit den 1980er Jahren zur Werkstattarbeit herabgestuft wurde.

Der Hamburger Kunsthistoriker Warnke war der Erste, der die Verwandtschaft des Goldhelm-Kriegers mit zeitgenössischen Bismarck-Darstellungen aus der Fließbandproduktion des Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach erkannte. So ist sein Beitrag ein Musterbeispiel für eine Kunstgeschichtsschreibung, die den historischen Kontext stets im Auge behält. Zwischen dem Blick zurück und einem emphatischen Blick nach vorn ist die Arbeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nimmt man nur ihr Jahrbuch zur Hand, mehr denn je angesiedelt.

Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 2013, Band XLIX. Gbr. Mann Verlag, Berlin 2014, 520 S., 35 €.

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