Kultur : Jahre des Wachstums

„Menzel und Berlin“: Das Kupferstichkabinett feiert den preußischen Paradekünstler

Bernhard Schulz

Er hat sich alles hart erkämpfen müssen. Nicht das geringste Wunder ist es, dass Adolph Menzel, der Beinahe-Autodidakt mit gerade einmal einjährigem Akademie-Hineinschnuppern, unter denkbar schlechten Voraussetzungen zu dem preußischen Künstler schlechthin aufstieg. Als er 1905 im biblischen Alter von fast 90 Jahren, hoch geehrt und hoch dekoriert, starb, gab ihm der Kaiser das letzte Geleit. Es war derselbe Kaiser Wilhelm II., der in diesen Jahren nach der Jahrhundertwende gegen die „Rinnsteinkunst“ der Moderne wetterte.

Menzels Nähe zum Hof hat jahrzehntelang das Bild verschattet, das sich die Nachwelt von der „kleinen Exzellenz“ mit ihren weniger als ein Meter fünfzig Körpergröße machte. Seit der großen Retrospektive 1997 im Alten Museum indessen ist Menzels Rang als Zeitgenosse, aber doch höchst eigenständiger und eigenwilliger Wegbegleiter der künstlerischen Moderne unbestritten. Die „Berlin-Potsdamer Eisenbahn“, jenes kleinformatige und doch so vibrierende, ja revolutionäre Werk von 1847, zählt zu den gewichtigsten Belegen für die Modernität Menzels.

Zu dieser Zeit war Berlin sehr überschaubar. Das gewaltige Wachstum stand erst bevor. Noch hielt die alte Zollmauer die Stadt umschlossen, von der heute nur mehr die Namen der Tore künden. Gleich außerhalb dieser Grenze entstand in diesem Jahr der Bahnhof der ersten Eisenbahnlinie, die seit 1838 die preußische Residenzstadt Berlin mit dem königlichen Lieblingssitz Potsdam verband.

Adolph Menzel hat sie 1845 gezeichnet. Er hielt den geschwungenen Verlauf der eingleisigen Strecke fest, den Bahnübergang mit einigen Passanten – aber keinen Zug. Den fügte der Künstler erst zwei Jahre später hinzu, auf dem Ölgemälde, das nach der Zeichnung entstand. Jetzt ist es keine nüchterne Vedute mehr, die Menzel in seinem Atelier komponiert, sondern ein dramatisches Symbolbild der einsetzenden Industrialisierung.

Menzel war Zeuge der ungeheuren Veränderungen, die in Berlin vor sich gingen. 75 Jahre lang hat er in der Stadt gelebt, in die er 1830 als 14-jähriger Breslauer gekommen war. Als der Vater zwei Jahre später starb, musste der junge Menzel für den Lebensunterhalt der Familie sorgen. Er hat ihn hart erkämpft.

Im Kupferstichkabinett am Kulturforum sind jetzt Gemälde und Zeichnung für die Ausstellung „Menzel und Berlin. Eine Hommage“ vereint, mit der das Haus, das einen Bestand von 7000 (!) eigenhändigen Blättern und 1500 Druckgrafiken des Künstlers hütet, aus Anlass seines 100. Todestages an Menzel erinnert (vgl. Tagesspiegel v. 11. Februar). Der Titel „Menzel und Berlin“ ist durchaus weit gefasst; im Grunde, so Kuratorin Sigrid Achenbach, geht es um eine „Übersicht in konzentriertester Form“. So finden sich auch Blätter zum Krönungsbild von 1861 – deren Kontext in der parallelen Ausstellung der Alten Nationalgalerie, „Menzel und der Hof“, ausgebreitet wird – oder zum deutsch-österreichischen Krieg, die Menzel in erschütterndem Naturalismus nach Königgrätz geschaffen hat. Die Kuratorin wollte Menzel „nicht als Berliner Lokalmaler darstellen“. Warum so ängstlich? Man darf entgegenhalten, dass Menzels überragende Bedeutung durch die Fokussierung auf sein künstlerische „Material“, das er nun einmal in Berlin fand – wenn auch zugleich auf vielen Reisen – nicht im mindesten geschmälert würde.

Menzel ist in erster Linie Zeichner, nicht so sehr Maler, wiewohl er in diesem anspruchsvollen Medium einige epochale Werke geschaffen hat. Das betrifft weniger die zahlreichen Friedrich-Darstellungen, für die er neben der Fronarbeit der Illlustration von Franz Kuglers überaus populärer „Geschichte Friedrichs des Großen“ (1839–42) seinerzeit so geschätzt wurde. Doch ist es der unbestechliche, experimentierfreudige, in der ungeheuren Spannweite seiner Motive geradezu fotografische Blick, der Menzels – linke – Zeichnungshand lenkte und der gestern eröffneten Ausstellung ihr volles Recht gibt.

„Zeichnen ist alles, aber Alles zeichnen ist mehr“, war Menzels Devise. Menzel hat alles gezeichnet: die schlafende Schwester, die Bären im Zoo, die Toten im Krieg und immer wieder die Veränderungen an der Peripherie Berlins, wo er selbst zumeist wohnte, zuletzt dreißig Jahre lang im „alten Westen“ der Sigismundstraße in unmittelbarer Nähe des heutigen Kupferstichkabinetts. „Zeichnen“ ist dabei ein viel zu enges Wort, hat er sich doch in allen, vor allem auch farbigen Techniken geübt, die das Papier ermöglicht. Der mittlere Teil der mit 200 Arbeiten recht kompakten Ausstellung hat das Stadt-Thema zum Inhalt, die nie nachlassende Neugier auf Baugerüste und Handwerker, auf Abriss, Aufbau auf zufällige Straßenausblicke. Die Errichtung der Matthäikirche, deren Nachbar er wurde, hat er 1846 ebenso festgehalten wie die Passanten auf der Potsdamer Straße 1875, die er durch ein Baumgeäst erspäht wie die Pariser Impressionisten.

Das wäre nun ein weites Feld – beispielsweise, wie Menzel auf die Erfahrungen seiner drei Paris-Reisen reagiert hat. Es tun sich überhaupt viele weite Felder auf, je tiefer man in die Blatt für Blatt so bezwingenden Arbeiten eindringt. Das „weite Feld“ hat der Dichterfreund Theodor Fontane geprägt, mit dem Menzel eng befreundet war. Fontane hat ihm zum 80.Geburtstag ein Distichon zugeeignet, aber zu Lebzeiten nie ausgehändigt. Das tat erst die Witwe nach Fontanes Tod 1898: „Gaben? – Wer hätte sie nicht!/Talente: Spielzeug für Kinder./Erst der Ernst macht den Mann, /erst der Fleiß das Genie!“

Knapper und präziser lässt sich nicht sagen, was Menzel war und seinen künstlerischen Rang begründet hat. Allenfalls muss man heutigen Skeptikern, die in Menzels unbedingtem Ergreifen der Wirklichkeit keine Leistung und nicht einmal ein künstlerisches Ziel mehr erkennen können, hinzufügen, dass dem Ernst ein tiefer Witz zur Seite steht und dem Fleiß die wundervolle Leichtigkeit der lebenslang zeichnenden Hand.

Kupferstichkabinett am Kulturforum, bis 5. Juni. Katalog im GH Verlag, 32 €.

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