Kultur : Jahre in der Whiskeybucht

Übersetzer, Autor, Kleindarsteller aus der „Lindenstraße“: Harry Rowohlt hat endlich wieder ein Buch veröffentlicht

Harald Martenstein

Einmal ist Harry Rowohlt dem einzigen Staatschef vorgestellt worden, der ihm ähnlich sieht, Fidel Castro. Rowohlt sagte auf spanisch, er arbeite für die „Zeit“, ein „semanal liberal“, eine liberale Zeitung aus Hamburg. Aber leider heißt „liberal“ auf spanisch gar nicht liberal, sondern freizügig, und „semanal liberal“ heißt auf Kuba „Sex-Blatt“. Castro sah Rowohlt verwirrt an. Dann sagte er: „Ah, Hamburg.“

Ein paar Jahre lang haben sich ein paar Leute die „Zeit“ hauptsächlich wegen Harry Rowohlt gekauft. Eigentlich waren es sogar ziemlich viele Leute. Rowohlt hat Filmkritiken geschrieben, die meistens besser waren als die Filme, und die Kolumne „Pooh’s Corner“. Irgendwann hörte das auf, angeblich, weil Rowohlt sich mit irgend jemandem über irgendwas gestritten hatte. Er übersetzte weiterhin Bücher, auch das kann er besser als die meisten anderen, spielte in der „Lindenstraße“ einen Penner und trat bei Lesungen auf. Aber er schrieb fast nichts mehr. Das war eine recht traurige Phase der Mediengeschichte.

Jetzt gibt es ein neues Werk von Harry Rowohlt, der „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann hat es zum „lustigsten Buch dieses Herbstes“ ernannt. Obwohl es gar kein echtes, geschriebenes Buch ist, sondern die 220-seitige Aufzeichnung eines Interviews, welches der „taz“-Journalist Ralf Sotscheck mit Rowohlt geführt hat (In Schlucken-zwei-Spechte, Edition Tiamat, 224 Seiten, 17 Euro). Thema: das Leben des Harry Rowohlt. Man stellt erfreut fest, dass Rowohlt fast genauso redet, wie er schreibt.

Was heißt das? Harry, Jahrgang 1945, der zum Geschäftsmann wenig, zum Bohemien dagegen hervorragend geeignete kleine Bruder des Verlegers Heinrich Maria Rowohlt, schreibt so, wie Betrunkene im Idealfall reden. Assoziativ, abschweifend, aufbrausend, mit jähen Stimmungsschwankungen, ohne Schmus, manchmal beleidigend oder brutal, hin und wieder sentimental, sich selbst verklärend, sich selbst nicht schonend.

Zeitungen sind, was die Form des Schreibens angeht, ein konservatives Medium. Sie sind nur selten eine Plattform für avantgardistische Experimente, denn sie sollen die Erwartungen der Kundschaft erfüllen und nicht mit ihnen brechen. Rowohlts Erfolg als „Kultautor“ (wenn es in Deutschland einen gibt, auf den das Wort zutrifft, dann er) beruht aber nicht nur darauf, dass er ein witziger Erzähler und ein kauziger Typ ist, das würde nicht genügen. Rowohlt hat in die Zeitungen ein paar Stilelemente der literarischen Avantgarde eingeführt, ein Dadaist, ein Vertreter der Ecriture automatique, versteckt unter der Maske des Trunkenbolds. Zum vielleicht ersten Mal hat er einem Massenpublikum in einem deutschen Massenmedium vorgeführt, wie unterhaltsam es sein kann, wenn man sich beim Schreiben von diesem alten Erzählplunder befreit – Ursache und Folge, Logik, Psychologie, Realismus, Stringenz – und stattdessen den Geist frei umherflattern lässt.

Ein Lieblingssatz von Harry Rowohlt heißt übrigens: „Ich habe nichts gegen Vorurteile.“ Wenn man dem neuen Buch etwas vorwerfen kann, dann, dass es sich ein wenig zu gründlich an dem Themenkomplex „Alkohol“ abarbeitet – es wird einfach zu oft übers Saufen geredet. So unterhaltsam die Sache selbst auch sein kann, das Reden darüber langweilt. Im Übrigen ist das Buch wunderbar. Davon kann man sich heute Abend im Roten Salon der Volksbühne überzeugen, wo Rowohlt ab 22 Uhr 30 auftritt und sich öffentlich betrinkt. Es wird zweifellos ein Abend werden, über den in Berlin noch lange geredet wird. Dieser Text ist im Grunde nur deshalb entstanden, damit sein Verfasser auf die Gästeliste gesetzt wird.

Über seine Lesungen sagt Harry Rowohlt: „Ich hatte mal eine Lesung in Tübingen und wurde da mit großer Wärme und Herzlichkeit empfangen, was mich natürlich gefreut hat, bis ich erfuhr, dass vor mir Sarah Kirsch dagewesen war. Die kann ich als Vorgruppe nur empfehlen. Die liest vierzig Minuten lang Gedichte, die sich nicht reimen, trinkt dazu eine halbe Flasche Mineralwasser, das nicht sprudelt, und danach ist Diskussion. Dafür bekommt sie dreimal so viel Geld wie ich. Kein Wunder, dass die Leute froh sind, wenn ich komme."

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