Kultur : "Jahrestage": Im Eselsritt

Mechthild Zschau

Am Schluß stehen die Toten der Geschichten auf den Dünen aufgereiht, Vater und Mutter, Geliebter und Beinahe-Ehemann, der russische Kommandant und das erschossene jüdische Mädchen und und und. Eine lange dunkle Reihe, die stumm und ergriffen Gesine, ihrer Tochter und der Freundin Anita zuschauen, wie sie in hellen Gewändern über den Strand wehen - Lichtgestalten, übergossen von einem Schwall zuckersüßer Musik. "Was ist beständig?" hatte Gesine in Teil 3 ihren toten Jakob gefragt. "Wir", antwortete der. "Die Toten?" "Ja". Beständig also ist die Geschichte, nicht die Gegenwart, beständig sollte das Erinnern sein, und für das hat die ARD doch wieder einmal eine Menge getan. Deutsche, europäische, weltweite Geschichte.

Sind die TV-"Jahrestage" also ein großes, mahnendes, zeigefingerreckendes Geschichtsbuch, das nachdrücklich vom Verlust der Illusionen und vom alltäglichen Opportunismus erzählt? Ja und nein. Die Historie liefert nicht viel mehr als die Folie für die private Story der Gesine Cresspahl, die allerdings von den Zeitläufen massiv beeinflußt ist. Das Fernsehen kann mit authentischem Bildmaterial aufwarten (wo Uwe Johnson die New York Times bemüht), die tragende Ebene aber müssen, mediengerecht, die großen Gefühle sein. Und daran hapert es nach dem ersten hochdramatischen Teil, der in die Nazi-Zeit zurückleuchtet, dann doch gewaltig. Friedlichere Zeiten gebären mehr oder minder schmerzhafte Anekdoten, aber keine Tragödien.

Und schon schrumpft der große epische Bilderbogen zu einem stockenden, stolpernden Eselsritt durch die Jahrzehnte. Wenn nicht Suzanne von Borsody auf der New Yorker und Mathias Habich auf der Mecklenburger Ebene als Identifikationsfiguren voller verschlossener, spröder Kraft die Geschichten zusammenhalten würden, zerfiele das ganze, mühsam von den Drehbuchschreibern in eine neue, übersichtliche Ordnung gebrachte Konstrukt in eine Fülle völlig uninteressanter deren bestürzendste wohl die Marie der jungen Marie Helen Dehorn darstellt. Ein derart penetrant altkluges und immerfröhliches Kind weckt schon gewaltige Aggressionen. Und wenn im letzten Teil nur noch hastig die hängenden Fäden der Geschichte vernäht werden, bleibt ein schales Gefühl zurück. Welch großes Vorhaben, welch hoher Aufwand, und doch will kaum ein Bild so richtig haften bleiben.

Wer je einen Film nach einer Romanvorlage gesehen hat, dessen Original er kennt und liebt, weiß, wie schwer die Enttäuschung wiegt. Immer. Buch und Film haben nichts miteinander zu tun. Sie gehorchen verschiedenen Gesetzen auch der Rezeption. Deshalb ist Margarethe von Trotta und ihren Drehbuchschreibern nicht vorzuwerfen, das 2000-Seiten-Gebirge von Uwe Johnson nicht der Literatur gemäß umgesetzt zu haben - sondern nur ihr Kleinmut. Viel radikaler hätte sie den Stoff handhaben, viel präziser ins Ungesagte des Romans eintauchen müssen.

Immerhin gute drei Millionen Zuschauer haben jetzt das Gefühl, eine Bildungslücke geschlossen zu haben - deutlich mehr als bei Klemperers Tagebüchern, deutlich weniger als bei Strittmatters "Der Laden". Welch ein Irrtum. Vielleicht aber fängt doch der eine oder die andere an, im Roman blätternd zu lesen. Dann hätte auf jeden Fall Gesine Cresspahl das Gesicht der Suzanne von Borsody, aber die Geschichte begänne zu leben und sich mit dem zu füllen, was Johnson nie beschreibt: mit viel Gefühl. Für die Zeit, für die Geschichte, für die Menschen.

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