Kultur : "Jahrestage": Wer das Wasser nicht kennt

Joachim Huber

"Nur" 3,5 Millionen Zuschauer haben den ersten Teil der "Jahrestage" am Dienstag eingeschaltet. Eine so große Produktion - und ein so kleines Publikum. Die Skeptiker aus der Literaturecke werden sich bestätigt fühlen und heftiger denn je das Werk von Uwe Johnson gegen die "ARD-Verhunze" in Schutz nehmen. Mit dieser Haltung sind sie gerecht gegenüber dem Roman und ungerecht gegenüber dem Fernsehen.

Die originären Eigenschaften des elektronischen Mediums fordern jeder Verfilmung von Literatur die Notwendigkeit erzählten Fernsehens ab. Narrativ ist das fiktive Medium am besten, seine dichte, am Tempo und am optischem Eindruck orientierte Erzählweise bringt, zum Beispiel, einen prall-süffigen Roman wie den "Laden" von Erwin Strittmatter zum Glänzen. Die Quoten waren überzeugend, die verkaufte Auflage kletterte spürbar. Da stimmte der Stoff, weil er ein Erzählstoff und somit ein Fernsehstoff war. Jetzt also "Jahrestage", ein außerordentlich vielschichtiges Buch. Es springt (verwirrend) vor und zurück, die Figuren sind nach innen gewendet und weniger nach Außen gestülpt; kein unbeschwertes Lesevergnügen, das geben selbst Bewunderer des Schriftstellers zu. Einige der besten und erfahrensten Kräfte des Mediums Fernsehen haben sich der elektronischen Übersetzung angenommen, bei größtem Respekt wechselt die Verfilmung in die Adaption hinüber. Es schlägt die Stunde der Literatur- als Fernsehkritik.

Die Fernsehzuschauer nähern sich der Serie anders. Wenigstens 99 Prozent kennen das Werk von Uwe Johnson nicht. Sie sitzen nicht mit dem Roman auf der Couch und vergleichen Seite für Seite. Sie gehen an den Vierteiler heran mit den Erfahrungen und den Erwartungen des Fernsehzuschauers. Werde ich gut unterhalten, werden viele fragen, werde ich klüger, andere. Beides ist bei den Fernseh-"Jahrestagen" möglich. Die Fernsehfassung leitet aus dem Johnsonschen Stauwehr ein Flüsschen ab, stellenweise zwangskanalisiert, damit Fließgeschwindigkeit hinein kommt. Die, die am Ufer stehen, müssen von der Kultivierungsmaßnahme nicht eben begeistert sein, aber wer das Wasser im Wehr nicht kennt, bekommt beim Schöpfen aus dem Flüsschen immerhin einen Eindruck von der Wasserqualität.

Die "Jahrestage" in der ARD-Annäherung sind eine Fernseh-Maßnahme. Sie sind die Übersetzung von deutschen Geschichten und deutscher Geschichte in eine Fernsehgeschichte. Und sie bleiben ein interessanter Blick auf eine biografische Möglichkeit in Deutschland. Zeitläufte treffen sich in Gestalt von Personen, das große Panorama hinterfängt die individuelle Persönlichkeit. Johnson schlägt den hohen Ton an. Auch wenn die ARD ihn nicht immer trifft, ist sie vom üblichen Geschnatter immer noch weit entfernt.

Das Fernsehen hat Recht, wenn es sich eines literarischen Stoffes annimmt, und es hat das Recht, sich ihn vorzunehmen. Mag die ästhetische Form, mag der dramaturgische Atem auch ganz anders sein, das Fernsehen als Fernsehspiel braucht Stoff-Vorlagen wie die "Jahrestage". Wenn die Literatur den potentiellen Stoff bietet, dann muss die Literatur ihn dem Fernsehen geben. Der Stoffhunger des Mediums ist ungeheuer, die Sucht und die Sehnsucht nach dem Überschreiten des Immergleichen im Programm müssen befriedigt werden. Die Literatur und ihre Agenten tun gut daran, sich in das Fernsehen einzusehen und dann mit Stoff-Vorschlägen aufzuwarten. Wer Fernsehen mit der Literatur-Elle misst, der verhindert literarisches Fernsehen.

Die "Jahrestage" sind Erzählfernsehen. Entscheidend ist, ob die Zuschauer über vier Teile den Weg der Gesine Cresspahl mitgehen. Der Rest ist Rabulistik. Den Bildern kommt sie nicht bei.

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