Kultur : Jahrhundertbetrug

Erinnerungen sind immer individuell und daher denkbar verschieden.Woran denkt man, wenn von der Berliner Gemäldegalerie die Rede ist? An Fra Filippo Lippis Maria mit Kind, Holbeins Georg Gisze oder den so schmählich degradierten Mann mit dem Goldhelm? Ich denke an einen alten Herrn, der eines Tages zu mir kam, um sich über den Lauf der Dinge zu beklagen.Er war es, der die damalige Berliner Gemäldegalerie gebaut hatte und der niemals für seine Arbeit auch nur einen Pfennig erhalten hatte.

Das ist lange her, ein paar Jahrzehnte.Ich hatte eben im Tagesspiegel meine ersten Artikel über neue Kunst veröffentlicht und er muß einer der ersten gewesen sein, die mich in der Redaktion aufsuchten.Er dürfe damals jeden aufgesucht haben, der irgendwie mit Kunst zu tun hatte - ein freundlicher, netter, schon offensichtlich sehr alter Herr, der sich als Bruno Paul vorstellte.

Er fügte hinzu: "Der Architekt", und ich antwortete leichtsinnigerweise: "Naja, daß Sie nicht der berühmte Simplizissimus-Zeichner sein können, kann ich mir denken." Peinlicherweise war er aber auch das gewesen.Eine Doppelbegabung.Und nun schon über diverse historische Ereignisse hinweg auf der Suche nach seinem guten Recht.Dabei keineswegs eine Art von Michael Kohlhaas, sondern eher so etwas wie Eulenspiegel, der endlich seine Meerkatzen bezahlt haben will.Denn er war der einzige von uns beiden, der beim Vortrag seiner Geschichte mitunter herzlich lachte.Ich war noch in dem Alter, in dem man sich über derartige Streiche des Schicksals eher empört.

Ein Herr mit Schnurrbart

Eine sehr merkwürdige Geschichte.Der ehemalige Simplizissimus-Mitarbeiter hatte trotz dieser antimonarchistischen Vergangenheit von der kaiserlichen Regierung den Auftrag für ein Gebäude erhalten, das in Dahlem eröffnet werden sollte."Eigentlich sollte in ihm ein Asiatisches Museum untergebracht werden", erklärte er mir."Aber als Bode meinem Entwurf zustimmte, schrieb man das Jahr 1912.Wilhelm Bode, der Mann mit dem gewaltigen Schnurrbart, war Generaldirektor, der Museumsobermotz von Berlin wie später ihr Mitbegründer, wie heißt er doch, der Reichskunstwart?" "Redslob", sagte ich, "und Bode ist mir selbstverständlich durchaus ein Begriff."

"Ja, 1914 war das Gebäude zwar halbfertig, aber es wurde an ihm natürlich nicht weitergebaut.Der Weltkrieg, von dem haben Sie doch sicher auch gehört."

Das Museum an der Arnimallee hat man, um eine lange Geschichte abzukürzen, zwar provisorisch hergerichtet, aber dann als Magazin benutzt.An das Honorar für den Architekten hat keiner mehr gedacht, auch nicht, als der Kaiser ins Exil ging, der Krieg verloren und der Generaldirektor der Berliner Museen geblieben war.Aber es gelang auch Bode nicht, eine Bezahlung bei der preußischen Regierung für Bruno Paul durchzusetzen."Die neue preußische Regierung", so der Architekt, "erklärte nicht ganz zu Unrecht, den Bau ja nicht beauftragt zu haben.

Ich weiß nicht, ob man ähnlich im sogenannten Dritten Reich reagierte, aber da wird Paul, seit jeher ein erklärter Gegner aller totalitären Politik, ja wohl auch keinen Versuch gemacht haben, eine nachträgliche Rechnung einzureichen.Mann kann verstehen, daß er es ab 1950 tat, denn da begann der Senat von Berlin, das Dahlemer Magazin endgültig zu einem Museum auszubauen.Vor allem die Gemäldegalerie sollte dort eingerichtet werden für den vom Central Art Collecting Point in Wiesbaden zurückgekehrten Restbestand der in Thüringens Salzbergwerken von der US-Army beschlagnahmten Berliner Bilder.Jetzt wurde endlich ein richtiger Kunsttempel errichtet, sogar mit einem Ehrenhof und dem repräsentativen Eingang zur Lansstraße hin.

Ein Kunsttempel mit Ehrenhof

"Sehr schön", kommentiert Bruno Paul."Aber was mich betrifft, so erhalte ich von den heute Regierenden die gleiche Antwort wie bisher von allen wechselnden Obrigkeiten: Wir haben das Ding nicht bestellt.Rechnungen gehen immer an den Auftraggeber."

Mit anderen Worten: die Deutschen, also wir alle, die wir immer wieder die Gemäldegalerie aufgesucht haben, sind zumindest mitschuldig daran, daß der Architekt des Gebäudes sozusagen am laufenden historischen Band um sein Geld betrogen worden ist.Wie die Sache ausging, habe ich vergessen oder nie erfahren.Ich erinnere, einen kleinen Artikel über den Sachverhalt geschrieben zu haben, der keine Resonanz fand.Ob sie unser damaliger Justitiar fand, den ich hinzuzog und der - wenn auch nicht überaus enthusiastisch - versprach, sich um die Sache zu kümmern, ist mir gleichfalls unbekannt geblieben.Bruno Paul, übrigens der Lehrer Mies van der Rohes, ist bald darauf, 1968 gestorben.An ihn habe ich immer denken müssen, wenn ich nach Dahlem ging, und das war nicht selten.Sein Architektenschicksal schien mir symptomatisch: der Staat ist es selten, der die Zeche zahlt.Hoffen wir, daß die neue Gemäldegalerie, alles andere als ein Provisorium, freundlichere Erinnerungen in das nächste Jahrhundert trägt.

Eine Lehre ist aus dieser Geschichte nicht zu ziehen.Es sei denn die, immer auf einen guten Vorschuß zu drängen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben