Kultur : James Mangolds "Durchgeknallt": Verrückt bleiben! - Geschlossene Station Hollywood

Daniela Sannwald

Susanna leidet: unter ihren Eltern und Lehrern, unter ihrem Freund und unter Weltschmerz sowieso. Susanna trinkt und schluckt Tabletten, was sie in eine geschlossene Anstalt bringt. Unter den Fittichen einer resoluten Krankenschwester und einer Psychiaterin soll sie sich erholen, fühlt sich aber bald zu Hause unter den gleichaltrigen Mädchen, von denen jede ihre eigene Leidensgeschichte hat. Besonders Lisa, die nicht nur die Welt, sondern auch das Anstaltsleben kennt, hat es ihr angetan ...

"Girl, Interrupted" heißt der autobiographische Roman von Susanna Kaysen, auf dem der Film basiert (deutscher Titel: "Durchgeknallt"). Doch ein richtiger Teeniefilm ist das hier nicht, eher gehört er zur Gattung des Psychiatriefilms. Einer der ersten war Anatole Litvaks "Die Schlangengrube" (1948); Samuel Fullers "Shock Corridor" (1963) und Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975), die in den frühen Sechzigern spielen, ließen ihre Protagonisten von den Mühlen der Psychiatrie zermahlen. Die Adaption von Anthony Pages "Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen" (1977) fokussiert den Heilungsprozess einer Insassin, ähnlich wie "An Angel at My Table", die von Jane Campion 1990 verfilmte Biographie der Schriftstellerin Janet Frame. Merke: Die Frauen werden in der Regel geheilt, die Männer vernichtet.

Kein Zufall, dass auch "Durchgeknallt" in den wilden sechziger Jahren spielt. Damals mag jedwede pubertäre Verwirrung besonders heftig gewesen sein. Nur: Winona Ryder, die Darstellerin der Susanna Kaysen, ist hier wie in den meisten ihrer Rollen - brav, still und angepasst.

Susanna ist allenfalls eine Depressive, deren aufmüpfiges Potential in der Anstalt erst geweckt wird - vor allem durch Lisa. Die Mitinsassin, respektlos, zynisch und kreativ, entspricht eher dem Frauentyp, der Autoritäten schon immer suspekt war und deshalb interniert werden muss. Hollywoods Neuentdeckung Angelina Jolie bekam für die Rolle einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Dabei übertreibt sie nur: Sie grimassiert und windet sich, von Krankenpfleger-Armen gepackt, immer wieder hüftschwingend über die langen Flure.

Doch auch dieser Film stellt genreüblich Krankheitsfälle nur aus. Hinter der efeubewachsenen Fassade wird - buchstäblich - verrückt gespielt. "Durchgeknallt", eine Reihe visueller, akustischer und motivischer Klischees, verschreibt sich, statt den Sechziger-Jahre-Hintergrund als Filter plausibel zu machen, ganz dem Retro-Dekor: bieder, bunt, made by H & M.

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