Jamie Bernstein im Werner-Otto-Saal : Meines Vaters Freunde

Im Konzerthaus gestaltet Jamie Bernstein einen berührenden Abend, bei dem die "Anniversaries" aufgeführt werden - Klavierminiaturen, die ihr Vater "Lenny" Bernstein seinen Freunden widmete.

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Lennys älteste Tochter Jamie Bernstein.
Lennys älteste Tochter Jamie Bernstein.Foto: Steven_J._Sherman

Er war ja viel mehr als der erfolgsverwöhnte, in jungen Jahren unverschämt gutaussehende Strahlemann, der selbstbewusste Dirigent, der Komponist monumentaler Symphonien und Welthits wie „Somewhere“ aus „West Side Story“. Leonard Bernstein war auch ein stiller, genauer Beobachter der Menschen, die ihn umgaben. Wie sehr, das konnte man jetzt im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses erfahren. Tochter Jamie Bernstein – sie arbeitet als Radiomoderatorin – führt mit gewitzter, reifer und raunender Altstimme in die „Anniversaries“ ein: kurze musikalische Charakterisierungen von Freunden und Weggefährten wie Aaron Copland oder Stephen Sondheim. Fast 30 davon hat ihr Vater („Lenny“) im Laufe seines Lebens geschrieben, eine höchst spezielle Form des Tagebuchs. „Ich brauche Menschen, jeden Tag, sonst werde ich schwermütig“, soll er gesagt haben, und man kann sich vorstellen, wie er abends alleine am Klavier saß und diese Skizzen zu Papier brachte. Berührend: die tiefschwarzen Klänge, die Bernstein seiner (anderen) Tochter Nina gewidmet hat. Damit – so Jamie Bernsteins These – wollte er aber eigentlich die Trauer über den Tod seiner mit 57 Jahren verstorbenen Ehefrau Felicia verarbeiten. „For Helen Coats“, der langjährigen Sekretärin und Vertrauten gewidmet, beginnt dagegen mit einem schrillen Akkord und läuft wuselig weiter.

Der Abend – ein Schmuckstück für die Bernstein-Hommage des Konzerthauses (noch bis 16. 11.) – dauert kaum eine Stunde, doch er zeigt eine intime, weithin unbekannte Seite Leonard Bernsteins. Ein bestens aufgelegter Sebastian Knauer am Klavier zeichnet die musikalischen Miniporträts subtil nach, kitzelt das Individuelle aus ihnen heraus. Bestechend: seine sorgfältig gesetzten dynamischen Akzente. Hier ein vollgriffiges Fortissimo, dort ein sinnlich hingehauchtes Piano. Am Ende meint man Bernstein leise winkend die Straßen hinuntergehen zu sehen. „In Memoriam: Ellen Goetz“ ist sein Weltabschied. Die Geehrte war keine bekannte Persönlichkeit, keine enge Freundin, und doch war sie von eminenter Wichtigkeit: Sie war ein Fan.

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