Kultur : Jammen auf hohem Niveau

Der Pianist Carsten Daerr verjazzt die Schlager des Grand-Prix-Paten Ralph Siegel

Johannes Völz

Carsten Daerr zieht die Augenbrauen hoch, presst die Lippen aufeinander, atmet tief ein. Fast scheint er hinter dem alten Konzert-Flügel zu stehen, so kerzengerade ist seine Haltung. Er hat sich ein Kirchengesangsbuch auf seinen Stuhl gelegt, damit er höher und aufrechter sitzt. Vor ihm stehen aufgefaltete Notenblätter, eine Partitur dicht bedruckt mit ausgreifenden Dissonanzen. Noch einmal holt er tief Luft, schiebt sein Kinn ruckartig in die Höhe, als würde er so den Takt einzählen. Dann der Einsatz: Seine Hände stürzen auf die Tasten, klirrende Akkorde, ein paar oben, ein paar unten, in der rechten Hand ein kleiner perlender Lauf, das war’s. Er sieht auf, hört zu, zählt mit. Er atmet den Rhythmus.

Carsten Daerr auf der Bühne, das ist die Verkörperung vollkommener Konzentration. Aus seinem angespannten Gesicht spricht ein Kunstansatz, der sich ungeniert zum Ernst bekennt. Für einen 30-jährigen Jazzpianisten aus Berlin ist das nicht gerade üblich. Die meisten jungen Deutschen, die mit dieser Musik auf sich aufmerksam machen, versuchen gerade das Gegenteil: Sie tragen exaltierte Vintage-Anzüge, geben ihren Stücken gewollt schrullige Titel und zelebrieren ihren Spielwitz beim Crash der tausend Stile. Daerr dagegen trifft sich seit sieben Jahren mit dem Schlagzeuger Eric Schaefer und dem Bassisten Oliver Potratz, um im Trio Klangforschung zu betreiben. Alle drei haben sich schon im Studium an der Berliner Universität der Künste neben dem Jazz mit Neuer Musik beschäftigt.

Der Einfluss der Avantgarde-Komponisten auf die drei ist so groß, dass sich der Jazz in ihrer Hand in Konzeptkunst verwandelt. Wenn Daerr beim Auftritt den Blick über die Tasten hebt, sieht er acht Musiker um den Flügel sitzen. Schlagzeuger Eric Schaefer hat für dieses Konzert im Eliaskuppelsaal im Prenzlauer Berg nicht nur das gewohnte Trio einbestellt, sondern auch noch zwei Klarinettisten und ein Streichquartett dazugeholt. Gemeinsam führen sie eine einstündige Komposition Schaefers auf, mit der er den Jazz-Performance-Preis der Karl-Hofer-Gesellschaft gewonnen hat.

Beim Interview in Daerrs Schöneberger Altbauwohnung sitzt man an einem kleinen Holztisch in der Küche. Die Einrichtung erinnert an eine Studentenwohnung, Daerr teilt sich die zwei Zimmer mit einem WG-Mitbewohner. „Ich brauche nicht viel zum Leben“, sagt er. In Berlin müsse kein Musiker am Hungertuch nagen. Nur dürfe man sich eben nicht an einen hohen Lebensstandard gewöhnen. „Machen Sie keine Kompromisse“, heißt es versteckt in einer Ecke auf dem Cover der neuen, zweiten CD seines Trios. „Bantha Food“ hat er die Platte genannt (erschienen beim Berliner Label Traumton Records), in Anlehnung an die Vierbeiner aus der Star-Wars-Mythologie. Dabei stammen die Bezugspunkte auch hier viel eher aus der Neuen Musik. Arnold Schönberg hat Daerr eine Komposition gewidmet, das Stück „Blume“ ehrt den amerikanischen Avantgardisten Morton Feldman. „Ist ein bisschen schwer, das in einem Satz zu erklären. Man müsste es fast an den Noten zeigen.“

Schon ist er auf dem Weg in sein Schlaf- und Wohnzimmer, in dem auch sein Klavier steht. Stehend beugt er sich über die Tasten, um zu demonstrieren, wie er das Wachstum der Blüten in Akkorde übertragen hat, die mal von innen, mal von außen aneinander angrenzen. „Das Klavier ist für mich ein Zeichenbrett. Ich denke nicht mehr harmonisch. Ich denke visuell“. Das mag elitär klingen, doch das Ergebnis ist von größter Direktheit. Zwar hat Daerrs Trio eine außergewöhnliche Musiksprache entwickelt, doch wie beim besten Jazz nimmt der Zuhörer Teil an der musikalischen Kommunikation. „Man braucht keinen intellektuellen Überbau für unsere Musik. Sie bleibt ein klangliches und optisches Erlebnis.“

Während Daerr die Milch für den Kaffee aufschäumt, kommentiert er das Plakat seines Trios neben der Küchentür: „Irgend jemand muss es ja aufhängen“. Galgenhumor? Dieser Tage erscheint eine weitere Platte von ihm, in der überaus erfolgreichen Reihe „Young German Jazz“ der Münchner Plattenfirma Act. Wer hier vertreten ist, hat es wohl geschafft. Und doch, die große Begeisterung will nicht aufkommen bei „Germany 12 Points“. Denn Daerr ist hier nicht etwa mit seinem innovativen Trio zu hören, sondern gemeinsam mit zwei Münchner Musikern, mit denen er noch nie zuvor gespielt hat. In einer einzigen Probe haben sie Melodien des Grand-Prix-Schlagerfabrikanten Ralph Siegel verjazzt.

„Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, so etwas zu machen“, sagt Daerr. Die Idee hatte Act-Chef Siggi Loch, der mit Ralph Siegel befreundet ist und noch ein Geschenk für dessen 60. Geburtstag brauchte. Die verschachtelten Rhythmen von Bassist Henning Sieverts und Schlagzeuger Bastian Jütte bringen Siegel-Songs wie „Ein bisschen Frieden“ und „Du kannst nicht immer 17 sein“ ordentlich ins Stolpern, und Carsten Daerr verfremdet die Melodien oft bis zur Unkenntlichkeit. Über einen solch klaren Anschlag und melodischen Einfallsreichtum verfügen nur eine Hand voll deutscher Pianisten. Und doch wirft das Projekt die Frage auf, wie ernst es der Münchner Plattenfirma eigentlich ist mit dem jungen deutschen Jazz. Aber vielleicht muss ja erst mal ankommen, dass sich der deutsche Jazz selbst wieder ernst nimmt.

Daerr/Sieverts/Jütte spielen am Donnerstag im A-Trane, 22 Uhr.

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