Jannis Kounellis : Unterwelt

Jannis Kounellis machte Theater in Athen - jetzt ist er in Essen

Max Glauner

Athen kann dieser Tage mit einer besonderen Attraktion im öffentlichen Raum aufwarten. Was dem Unbefangenen wie eine Kunstaktion anmuten mag, hat einzig und allein ökonomische Hintergründe. Nahezu alle großformatigen Plakatwände in der City und den Athener Ausfallstraßen sind mit weißen Folien verhängt. Die Reklameflächen lassen sich offensichtlich gerade nicht verkaufen. Alleinige Ausnahme besteht ausgerechnet in den aufdringlichen Plakaten eines Internetcasinos, das Zocker ins World Wide Web locken will.

Begleitet von diesem gespenstischen Minimalismus geht die Fahrt von Athen hinaus nach Westen. Ziel ist Elefsina, ein Industriehafen vor den Toren der Stadt. Man darf sich die Augen reiben, bis man hier den berühmten Ort dionysischer Mysterien, Eleusis, erkennt. Dass an dieser Stelle einst der Eingang zum Hades lag, glaubt man bei so viel Verfall allerdings eher. Eigentlich ein verlockender Hintergrund für eine internationale „Prometheus-gefesselt“-Produktion, verschwindet doch der Protagonist am Felsen am Ende der Tragödie von Aischylos samt Kaukasus im Tartarus, einen Steinwurf entfernt vom Veranstaltungsort, einer aufgegebenen Ölmühle am Hafen.

Doch so viel Site-spezifischer Humor hätte die beiden Prometheus-Macher, den Regisseur Theodoros Terzopoulos und den Künstler Jannis Kounellis, wohl überfordert, hatten sie doch bereits ersichtliche Mühe, den ruinösen Charme der Mühle überzeugend zu bespielen. Angekündigt war die Inszenierung als „begehbare Installation“ des Altmeisters der Arte Povera. Ja, denkt man, warum nicht, wirken doch Kounellis’ Installationen häufig wie Bühnenbilder. Würde der Grieche mit Wahlheimat Rom, der in der Athener Nationalgalerie mit keinem einzigen Werk vertreten ist, bespielte Erinnerungsräume verdichten? Würde sich in der Zusammenarbeit mit Terzopoulos ein theatralischer Parcours durch das Mühlengelände ergeben? .

Der Mehltau der politischen Situation schien sich auch hier niederzuschlagen. Statt Experiment Traditionalismus, statt Bewegung Stillstand. Die Macher hatten im staubigen Mühlenhof eine Arena und Zuschauerränge aufgebaut. Hatte man ein von Station zu Station flanierendes Festivalpublikum erwartet, war man nun mit Frontaltheater konfrontiert, zu dem die Kunst den Hintergrund ansprechend zu dekorieren hatte.

Dies war Kounellis zweifellos geglückt. Im Rhythmus der Gebäudeachsen hängte er sechsundsechzig Stahltrossen über die Dachtraufe, an denen er in regelmäßigen Abständen Feldsteine wie Perlen an der Schnur befestigen ließ – achtzehn am zweistöckigen, dreizehn am einstöckigen Gebäudeflügel. Zusätzlich verwendete Hanfseile erweckten nun den Eindruck, dass die Steine nur durch sie an der Natursteinfassade gehalten würden: Das Arrangement zeigte sich als Bühnenbild gelungen, in seiner imitierten Materialität als Kunstwerk jedoch missraten. So bleibt das ästhetische Erlebnis der Taxifahrt zum Flughafen, bei der man sich mit den blinden Plakatwänden rechts und links wie in einer befahrbaren Installation fühlt. Die Ästhetik der Moderne hegte immer schon eine Affinität zu Autobahnen.

Die Produktion ist vom 5. bis zum 7. August auf dem Gleisboulevard der Zeche Zollverein in Essen zu sehen

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