Kultur : Japanische Zeichentrickfilme: Virus für Feinschmecker

Nicholas Körber

Kaum etwas ist so ironisch wie die Produkte japanischer Populärkultur. Vermutlich reagieren die Japaner damit auf die kulturelle Expansion des Westens. Wenn amerikanische Einflüsse aufgenommen werden, kann die Neigung zu Übertreibungen und Klischees ins Uferlose steigen - und wirkt dann wiederum stilbildend. Die westlichen Zitate bleiben Zitate, die im fernöstlichen Kontext absichtsvoll deplatziert wirken. Aus westlicher Perspektive wird die japanische Popkultur denn auch immer wieder mit postmodernen Lieblingsvokabeln wie "Trash" oder "Camp" beschrieben. Erst recht, wenn es gilt, die Faszination von Mangas und Anime - japanischen Comics oder Zeichentrickfilmen - zu beschreiben.

Einen Höhepunkt japanischer Animationskunst präsentiert derzeit das Berliner Eiszeit-Kino. Sämtliche Folgen des 1998 gedrehten japanischen TV-Hits "Cowboy Bebop" sind dort zu sehen. Die SciFi-Serie wurde von "Anime Turnpike", der wichtigsten Internet-Plattform für das Anime-Genre, zum Manga des Jahres 1999 gewählt. Gezeigt werden jeweils drei Teile der 25-minütigen Folgen, in denen Mythen und Symbole westlicher Popkultur zu einem bunt-schrillen Mix verrührt werden. Auch sonst bekommt der Anime-Fan alles geboten, was ihn glücklich macht: Sich überschlagende Bildsequenzen, absurde Actionplots, moderne Computergrafiken gekoppelt mit herkömmlicher Animationsästhetik.

Die Stories um zwei intergalaktische Kopfgeldjäger bewegen sich irgendwo zwischen Captain Future und Southpark. Symptomatisch für den Handlungsverlauf sind die permanenten Verfolgungsjagden in futuristischen Gefährten, die aus engen Straßen urplötzlich ins Weltall führen. Die klischeebeladenen Helden sind dabei wenig mitreißend: Den jugendlichen Draufgänger mit seinem vierschrötigen Freund hat man schon in unzähligen Comics gesehen. Um so interessanter sind die Outlaws des Jahres 2071: So kann man sich über militante Umweltschützer freuen, die die Gäste eines Feinschmecker-Restaurants massakrieren, weil jemand eine politisch unkorrekte Bestellung aufgegeben hat. Anschließend bedrohen diese Nachfahren von Greenpeace das Universum mit einem Virus, der die DNA von Menschen zu der von Affen mutieren lässt.

Doch nicht nur die Stories unterscheiden sich wohltuend von den üblichen Anime-Filmen, auch die von Yoko Kanno komponierte Musik ist anders. Kanno hatte schon in der von Manga-Fans gleichfalls gefeierten TV-Serie "Macross Plus" 1994 mit Regisseur Shinichiro Watanabe zusammengearbeitet. In "Cowboy Bebop" dienen die eklektizistischen Anlehnungen an die Popgeschichte nicht nur der Erzeugung von Stimmungen, sondern der Definition des Inhalts - allerdings nur auf der Symbolebene. So tragen die Folgen Titel wie "Sympathy for the Devil", "Heavy Metal Queen", "Bohemian Rhapsody", ohne dass es irgendetwas mit der Handlung zu tun hätte - das Zitat allein ist Grund genug.

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