Japanisches Kino : Gefährliche Freundschaften

Bestsellerverfilmung, Blockbuster und Agit-Prop: Japanisches Kino im FORUM und PANORAMA.

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Die Jugend! Ist das nicht die Phase des Aufbruchs? Zeit der Freiheit, Freundschaft, endloser Möglichkeiten? Nicht heute, nicht in Japan. Jedenfalls nicht immer. Drei Filme über Freundschaft, Vertrauen, junge Menschen. Und ein seltsames Stück Agit-Prop: Japan ist in diesem Jahr mit sehenswerten Filmen vertreten.

Kenta und Juna sind im Waisenhaus aufgewachsen, jetzt schuften sie für ein Abrissunternehmen, ihr Chef quält und demütigt sie. Doch das Maß ist voll: Gemeinsam mit dem einfältigen Mädchen Kayo lassen sie ihrer Wut freien Lauf. Das ungewöhnliche Roadmovie A Crowd of Three von Tatsushi Omori spielt in einem Japan jenseits der Postkartenmotive. Nichts ist vorhersehbar, keine Konvention formt Geschehen oder Charaktere: Diese drei Helden sind weder besonders schlau noch sympathisch, eher mitleidlos wie gequälte Tiere. Sie verstehen ihre Sehnsucht nicht, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich die Sehnsucht in Gewalt entlädt.

Die vier jungen Erwachsenen in Isao Yukisadas Parade treiben noch bindungsloser durchs Leben. Sie haben nichts gemeinsam, außer, dass sie sich in eine winzige Wohnung in Tokio zwängen. „Parade“ ist eine Bestsellerverfilmung: In vier Kapiteln schraubt sich der Film seinem dunklen Kern zu, gibt immer mehr über die Figuren preis, aber nie genug, um den Fall abzuhaken. Regisseur Yukisada, bislang eher zuständig für publikumswirksame Hochglanzmelodramen, gelingt in diesem irritierend unbestimmbaren Film das Kunststück, ein Geflecht, das eigentlich keines ist, ganz allmählich aufzulösen, ohne dass der Film zerfällt. Diese vier Menschen brauchen und mögen einander, doch der Kern ihrer Freundschaft ist nicht gewachsenes Vertrauen, sondern grundlose Solidarität.

Ganz anders Aoyagi in dem herrlichen Blockbuster Golden Slumber. Aoyagi ist ein bisschen einfältig. Aller Welt bringt er Vertrauen entgegen. Er ist also bestens geeignet als Sündenbock: Ein Attentat auf den Premierminister wird so arrangiert, dass er als Urheber gilt. Er braucht jetzt die Hilfe seiner Freunde. Aber welche? Es sieht so aus, als reite er sich mit seiner Vertrauensseligkeit immer tiefer hinein, doch am Ende gelingt ihm mit Freundeshilfe in einem wunderbaren Finale die Befreiung. Regisseur Yoshihiro Nakamura spielt gekonnt mit den Elementen des „Mann-auf-der-Flucht“-Thrillers. Die Freundschaftsepisoden erzählt er dagegen mit mal feiner, mal schräger Komik. Unter der Oberfläche aber ist diese temporeiche Tragikomödie ein fast philosophisches Werk über Freundschaft und Vertrauen.

Und auch das ist Japan: Die Wirtschaftskrise unserer Tage macht ein 80 Jahre altes Werk der Arbeiterliteratur zum Bestseller. Zunächst wird daraus ein Manga. Dann macht der unberechenbare Sabu aus Kanikosen einen Film. Ein Fabrikschiff während des Krieges. Große Zahnräder malmen vor sich hin, am Förderband stehen Männer und verpacken Krebse – angetrieben, gequält und notfalls auch getötet von einem sadistischen Vorarbeiter. Erst eine Begegnung mit tanzenden Russen bringt die Wende: Meuterei auf der schwimmenden Konservenfabrik! Sabu gibt dem Stoff Popappeal und einen Hauch Groteske. Er entscheidet sich aber leider für theaterhafte Kulissen.

Zunächst geht das noch gut: Der herrlich komische Versuch des kollektiven Selbstmords, in der Hoffnung auf ein gutes nächstes Leben, ist einer dieser Momente, die von dieser Berlinale in Erinnerung bleiben werden: „Ich kann nicht glauben, dass wir uns töten müssen, um zu überleben.“ Diesen Tonfall hätte Sabu bis zum Ende des episodenhaften Films durchhalten müssen. Der theaterhafte Rahmen holt den Stoff aber auf den Boden des Agit-Prop zurück.

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