Kultur : Jargon und Weltgeist

Glucksmann eröffnet das FU-„Humanities Center“

Alexander Camman

Mit einem Rucksack schreitet der Redner zum Pult. Demonstrativ packt er einige vergilbte Schwarten aus, in denen alte Zettel von einstmals intensiver Lektüre zeugen. Eine ironische Geste, mit der André Glucksmann am Dienstag die erste „Hegel Lecture“ des neugegründeten „Dahlem Humanities Center“ an der Freien Universität eröffnet: Denn der Philosoph aus Paris bietet der festlich gestimmten Versammlung im Henry-Ford- Bau unter der Überschrift „1968–2008“ statt strenger Gedankenarbeit jenes engagierte Backpacker-Denken, für das er als globaler Menschenrechtsaktivist seit Jahren ebenso bekannt wie berüchtigt ist. Der schlanke, jünger wirkende 70-Jährige mutierte in den vergangenen Jahrzehnten vom Linksradikalen zum Liberalen und zum lautstarken Unterstützer Nicolas Sarkozys.

Dabei besaß die Idee, ausgerechnet mit dem einstigen Maoisten und dezidierten Nicht-Hegelianer Glucksmann die künftig jährlich stattfindende Hegel Lecture beginnen zu lassen, ihren Charme. Schließlich hatte der jüdische Intellektuelle 1978 in seinem für Furore sorgenden Buch „Die Meisterdenker“ die Linie von Hegel über Heidegger zu Hitler gezogen und im preußischen Philosophen schon viel Totalitäres entdeckt. Außerdem hätte das euphorische Reformvokabular, mit dem FU-Präsident Dieter Lenzen, Forschungs- und Bildungsministerin Annette Schavan sowie Wissenschaftssenator Zöllner die Feierstunde eröffneten, doch einiges an kritisch-philosophischer Reflexion provozieren können, ja müssen.

Denn so beeindruckend die Bilanz der FU-Geisteswissenschaften im Zuge des Exzellenzwettbewerbs auch ist, und so sinnvoll die Bündelung ihrer Aktivitäten im „Dahlem Humanities Center“ auch sein mag: Der in den Festreden bis zum Überdruss beschworene „ökonomische Mehrwert“ der Geisteswissenschaften, die permanente Rede von „Internationalität“, „Vernetzung“ und „Erhöhung der Ausstrahlungskraft“ stimmen zwangsläufig misstrauisch. Denn auch das gehört zum zurückliegenden „Jahr der Geisteswissenschaften“, an das Ministerin Schavan sich allzu positiv erinnerte: Gefährlich rasch vernebelt, ja ersetzt der Jargon die Inhalte.

Die geisteswissenschaftliche Tradition an der FU war jedenfalls schon immer mit großer internationaler Ausstrahlungskraft ausgestattet. Die Philosophen Ernst Tugendhat und Michael Theunissen lehrten hier; das ebenso vielbändige wie einflussreiche „Historische Wörterbuch der Philosophie“ wurde von Berlin aus jahrzehntelang maßgeblich geprägt. Zwar erinnerte André Glucksmann in seiner Lecture an den FU-Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, dem er 1967 als junger Linker an der FU begegnet war. Doch das machte es nur umso bedauerlicher, dass ihm die Bücher aus seinem Rucksack nur als Symbole dienten und er seinen Assoziationen – reichlich unphilosophisch – freien Lauf ließ.

Seine „Traueranzeige für Hegel“ konzentrierte sich auf die Utopie einer friedlichen Ordnung, die Glucksmann bei Hegel zu entdecken meint. Drei „seltsame Niederlagen“ in Europa hätten Hegels Ordnungsidee in den vergangenen Jahrzehnten widerlegt: nach 1970 der ökonomische Niedergang, nach dem Sieg über den Kommunismus 1989 das Wiedererstarken von Terrorismus und Krieg sowie heute die permanente Niederlage der Moral in einer von Völkermorden und westlicher Ignoranz geprägten Welt.

Gegen seinen Hegel stellte Glucksmann den weisen griechischen Geschichtsschreiber Thukydides, der schon im 5. Jahrhundert vor Christus die Kämpfe des 21. Jahrhunderts beschrieben und gewusst habe, dass im Abendland nichts sicher sei. Ob der „Krieger“, den Glucksmann überall seit dem Ersten Weltkrieg herrschen sieht, auch in Mitteleuropa dominiert, mag man bezweifeln. Jene „Lektion über Europa für Angela Merkel“, wie Glucksmann seinen Vortrag ironisch umschrieb, setzte auf Anschauung statt Theorie, was bei den Zuhörern ratloses Stirnrunzeln und eher knappen Beifall auslöste. Schmerzlich vermisste man die Begriffe: Der Weltgeist ist jedenfalls an diesem Abend in Dahlem noch nicht eingeritten.

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