Jarvis Cockers erstes Soloalbum : Der Wille zum Killen

Eine der besten Pop-Platten des Jahres: das Solo-Debüt des Pulp-Sängers Jarvis Cocker

Christian Schröder

Alles wird gut. Sparsame Akustikgitarrenakkorde wehen herüber, Streicher schwelgen, der Sänger murmelt mit dunkler Stimme: „Everything is going to be alright.“ Ein Gutenachtlied, ein Song wie ein Traum. „Quantum Theory“ heißt das Stück, in dem Jarvis Cocker von einer nächtlichen Reise durch Zeit und Raum erzählt. Wie er ein Paralleluniversum entdeckte, in dem die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr gelten, niemand allein und jeder glücklich ist. Das Paradies? Doch dann, am nächsten Morgen, wachte er auf und stellte fest: „God was dead but I lived on.“

Gott ist tot, aber Jarvis Cocker, der bereits in seinem Song „Dishes“ darauf hingewiesen hat, dass er dieselben Initialen wie Jesus Christus trägt, macht weiter. Heute erscheint das erste Soloalbum des ehemaligen Pulp-Sängers. Es heißt schlicht „Jarvis“ und ist tatsächlich eine Art Gottesgeschenk: eine der besten Pop-Platten des Jahres. Auf dem Cover prangt, wie bei einer Gangsta-Rap-CD, ein Warnhinweis: „Parental Guidance – Explicit Content“, explizite Lyrik, ungeieignet für Minderjährige. Ein Witz, klar. Denn eindeutig sind die Texte des 43-jährigen Hornbrillen-Spötters nie, er verpackt seine Bösartigkeiten in jubilierenden Wohlklang und trockensten Sarkasmus.

„Disney Time“, eine sonor gebrummte Klaviergitarrenballade, handelt von der Verlogenheit einer Medienwelt, in der oft schon die Nachrichten einer Märchenstunde gleichen. Süßlich säuselt der Chor bei „From Auschwitz to Ipswich“, einer Reflektion über den Universalismus des Bösen. Das schrammelig heruntergerockte „Fat Children“ macht aus der Unterschichten-Debatte ein Albtraum-Szenario: Verwahrloste, überernährte Kinder – in England eher ein noch größeres Problem als in Deutschland – übernehmen das Kommando, überfallen Passanten und die Polizei schaut zu, „putting bullets in some guy’s head for no particular reason“. Erschossen wird man schnell mal, auch ohne bestimmte Gründe. „I Will Kill Again“ beginnt als Idyll mit Streichern und Flöten, malt die Freuden eines bürgerlichen Familienlebens mit Landhaus, klassischer Musik und Rotweinabenden aus und zieht dann einen radikalen Schlussstrich: „I know that I will kill again.“ Ein musikalisches Rollenspiel, wie es, rhythmisch etwas forciert, auch von Morrissey stammen könnte.

Jarvis Cocker, der für die Rolle des Rebellen ohnehin immer etwas zu abgeschlafft wirkte, ist längst in der Bürgerlichkeit angekommen. „We Love Life“ hieß Ende 2001 das letzte Album seiner Band Pulp, ein Motto, dem der Frontmann folgte, indem er eine Französin heiratete, mit ihr ein Kind bekam und nach Paris zog. 15 Millionen Platten sollen Pulp verkauft haben, die Tantiemen sprudeln und garantieren ein angenehmes Frührentnerdasein. Nebenher gründete Cocker die Electroclash-Formation Relaxed Muscle, gab Compilations heraus, steuerte Songs für den Soundtrack von „Harry Potter und der Zauberkelch“ bei und schrieb Stücke für Nancy Sinatra und, zusammen mit dem geistesverwandten Sänger Neil Hannon von The Divine Comedy, für Charlotte Gainsbourg.

„Ich mag Leute, die es verhauen“, sagt Jarvis Cocker in einem Interview. „Karriere-Menschen kann ich nicht ausstehen, schon gar nicht, wenn es um Musik geht, die etwas Emotionales ist. Ein Interview mit Razorlight zu lesen ist genauso als würde man den ,Economist’ studieren.“ Der Mann spricht aus Erfahrung. Pulp hatte er mit 15 Jahren als Schüler in Sheffield gegründet, auf den Durchbruch musste er bis zur Britpop-Euphorie Anfang der neunziger Jahre warten. Mitstreiter verließen die Gruppe, um zu studieren, und Cocker stürzte, als er eine Frau mit einer Spiderman-Aktion beeindrucken wollte, aus einem Fenster. Im Krankenhaus las er frühe Reportagen von Tom Wolfe, was einschneidende Folgen für sein Song-Writing hatte. Wolfe ist ein perfekter Schilderer von Oberflächen, fortan machte es sich Cocker zur Aufgabe, „die Dinge so zu zeigen, wie sie in meinen Augen sind, nicht so, wie sie gemeinhin im Entertainment romantisiert werden“.

Eine Methode des gut gelaunten Sozialrealismus, die 1995 im Pulp-Hit „Common People“ gipfelte. Eine vergleichbare Mitsingnummer fehlt auf „Jarvis“, das Album knüpft eher an die letzten beiden Pulp-Werke „This Is Hardcore“ und „We Love Life“ an, die zwischen düsterem Glamrock und orchestralem Folk oszillierten. Die Aufnahmen entstanden in Sheffield und London, Pulp-Gitarrist Richard Hawley und Pulp-Bassist Steve Mackey waren mit von der Partie. Die Platte beginnt mit einem Klaviergitarrenintro und dem Song „Don’t Let Him Waste Your Time“, den Cocker ursprünglich wie „Baby’s Coming Back To Me“ für Nancy Sinatra geschrieben hatte. Allerdings ist bei der Anti-Liebeshymne „Baby’s Coming Back To Me“ nun ein betörendes Xylophon-Arrangement dazugekommen, das an Carl Orff erinnert.

Das Finale: ein Faustschlag. Als Hidden Track erklingt das Stück „Running The World“, das Jarvis Cocker schon im Sommer ins Internet gestellt hatte. Es ist seine Antwort auf das „Live 8“-Benefiz, bei dem Popstars wie Bono die Nähe zu Politikern suchten. Für Cocker sind Politiker „Cunts“, ein Wort, das man besser nicht übersetzt.

„Jarvis“ von Jarvis Cocker erscheint heute bei Rough Trade/Sanctuary

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