Jasper Johns : Flagge zeigen

Die atemberaubende Geschichte seiner Karriere ist längst Legende: Zum 80. Geburtstag des Malers Jasper Johns.

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„Eines Nachts hatte ich den Traum, dass ich eine große amerikanische Flagge malen würde.“ Beiläufig beschreibt Jasper Johns seinen spektakulären künstlerischen Durchbruch. Fast über Nacht hat er gemeinsam mit Robert Rauschenberg die Kunstwelt aufgerollt, die abstrakten Expressionisten mit ihrer Suche nach dem Erhabenen von der Bühne gefegt und das Leben der Straße in die Kunst eingeführt.

Die atemberaubende Geschichte seiner Karriere ist längst Legende. Johns und Rauschenberg lernen sich 1953 in New York kennen, mieten Lofts im gleichen Gebäude an und verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit Schaufensterdekorationen. Der Galerist Leo Castelli sieht beim Besuch in Rauschenbergs Atelier auch Arbeiten von Jasper Johns. Er bietet Johns sofort eine Einzelausstellung an.

Als Motiv wählt Johns absichtlich „vorgeformte, unkonkrete Elemente“. Doch ganz so bedeutungslos, wie der Künstler glauben machen will, sind die Flagge, die Zielscheibe, die Nummern, Buchstaben und Landkarten nicht (siehe auch S. 25). Der 1930 in Augusta Geborene ist nach dem Helden von Georgia benannt: Sergeant William Jasper soll im Krieg gegen die Engländer die Flagge der Unabhängigkeitskämpfer vor den Feinden gerettet haben. Während des Koreakrieges wird Johns selbst eingezogen und nutzt die Zeit, um Kunstausstellungen für Soldaten zu organisieren. Später verwandelt er militärische Symbole in Malerei.

Eins der frühesten Bilder, „Green Target“ von 1955, war mit dem MoMA zu Gast in Berlin. Die Zielscheibe ist nur zu erkennen, weil das Papier des Untergrundes in Kreise geschnitten ist. Darüber hat Jasper Johns mit lebhaften Pinselstrichen viele Schichten grasgrüner Farbe aufgetragen. Er verwendet Wachs, weil dieser schneller trocknet. Die Oberfläche wellt sich, gesättigt von dem fetten Material. So erweckt die Zielscheibe den Eindruck strotzender Vitalität.

Anfang der 60er Jahre, nach der Trennung von Rauschenberg, gefriert die Malerei von Jasper Johns. Die dichte Oberfläche reißt auf und offenbart eisgraue Melancholie. Jetzt gleicht seine Kunst noch mehr der seines Vorbildes Paul Cézanne. Die heftigen, klar erkennbaren Pinselstriche, die die Fläche plastisch gestalten, das lichtlose Grau, der Verzicht auf Perspektive. Das Auge muss ständig justieren. Wie in der Musik lenkt der Rhythmus die Wahrnehmung. Johns freundet sich mit John Cage und Merce Cunningham an. Er sammelt die Werke von Marcel Duchamp, der die Grundidee hatte, Triviales zum Kunstwerk zu erheben. Kein Wunder, dass er 1999 als Papa der Pop-Art bei den Simpsons auftritt. Er hat die amerikanische Massenkultur in die Kunst geholt, das Lebensgefühl der Metropolen. Die Großstadt hat Jasper Johns, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, inzwischen verlassen. Er lebt an der Küste von Connecticut und in seinem Haus auf den Antillen. Dort nimmt er sich Zeit für das, was ihn am meisten interessiert: die pure Malerei.

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