Kultur : Jauche und Jubel

Wie der bosnische Berlinale-Sieger „Grbavica“ in der Heimat bedroht wird

Jan Schulz-Ojala

In diesen Tagen wird gerade mal 1000 Kilometer von Berlin entfernt eine Farce gegeben, wie sie sich kein Stückeschreiber finsterer ausdenken könnte. Ein Diktator, der wegen Massenmordes vor einem Weltgericht stand, ist in der Haft am Herzinfarkt gestorben – und seine Heimat richtet ihm eine Art Staatsbegräbnis aus: Aufbahrung im Revolutionsmuseum, Zeremonie im Parlament, Beisetzung im heimischen Garten unter einer hundertjährigen Linde. Tremolo aus dem Orchestergraben: Märtyrertod! Wallfahrtsziel! Legende!

Milosevic, der Großserbe, ist tot. Aber seine Vollstrecker, die bosnischen Serbenführer Karadzic und Mladic, leben. Und weil eine unerschrockene Filmemacherin vor einem ästhetischen Weltgericht namens Filmfestival gewagt hat, die Unbehelligtheit dieser beiden Verbrecher anzuprangern, wird auf einer Nebenbühne des kranken Ex-Jugoslawien eine weitere schrille Farce gegeben. Milosevic mag es sich im Paradies entschlummerter Kriegsverbrecher gemütlich machen, die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic geht derweil durchs Fegefeuer.

Mit „Grbavica“ hat sie einen Film über die individuellen Folgen der Massenvergewaltigungen bosnischer Frauen gedreht und dafür vor knapp vier Wochen den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Ihr bei der Verleihung weltweit gehörter Protest dagegen, dass Karadzic und Mladic elf Jahre nach Kriegsende noch frei herumlaufen, hat ihr ein Kesseltreiben ebenso einflussreicher wie radikaler Serben eingebracht. Im Belgrader Massenblatt „Kurir“ wurde ihr Auftritt auf dem „Propagandafestival“ Berlinale als „moralisches Lynchen von Serbien“ gedeutet. Und der Rockmusiker Bora Corba durfte darin die seit Jahren verbürgten UN-Zahlen von 20 000 durch Serben vergewaltigten Frauen feinsinnig anzweifeln: „Um Gottes Willen, wie konnten unsere Soldaten das physisch überhaupt schaffen?“

Das überwiegend feindselige Medienecho war so heftig, dass die „Grbavica“-Premiere am 6. März beim Filmfest von Belgrad zu scheitern drohte. Radikale Serben versuchten die Vorführung zu verhindern, aber die 2000 Zuschauer buhten sie aus dem Saal. Die 31-jährige Regisseurin Jasmila Zbanic gestern gegenüber dem Tagesspiegel: „Ich hatte solche Angst, es war ein Gefühl wie am Anfang des Kriegs. Aber ich dachte, ich muss da hingehen – auch um den Kreislauf dieser Angst zu brechen.“

Angst ist auch das Schlüsselwort, das sich mit dem weiteren Schicksal des Films in seiner Heimat verbindet. Angst vor den nationalistischen Ultras führt dazu, dass Vlado Ljevar, einziger Verleiher in der Republika Srpska, der serbischen Teilrepublik des faktischen UN-Protektorats Bosnien-Herzegowina, „Grbavica“ nicht ins Programm nimmt – nicht wegen des Filminhalts, sondern wegen Zbanics mutigen Worten gegen Karadzic und Mladic. Schon eine Testvorführung in der bosnischen Serben-Hauptstadt Banja Luka wurde deshalb von zwei Drittel der 150 Eingeladenen empört boykottiert. Weshalb Ljevar, der selber das einzige funktionierende Kino in Banja Luka betreibt, gleich ganz auf eine Auswertung verzichtet. „Wozu einen Film zeigen, der Serben provoziert und mit dem man noch dazu kein Geld machen kann“, zitiert ihn die Agentur Balkan Insight. Tatsächlich muss, da sind sich bosnische Filmbranchenleute einig, Ljevar mindestens die Demolierung seines Kinos befürchten, wenn er „Grbavica“ zeigen würde.

Jasmila Zbanic nennt diese Selbstzensur eine „Schande“, denn „das Publikum sollte immer selbst entscheiden können, ob es einen Film sehen will oder nicht“. Abseits der Republika Srpska allerdings – Zbanic sarkastisch: „Diese Republik schenkte die internationale Gemeinschaft den Serben als Auszeichnung für ihren Völkermord“ – lässt sich durchaus Geld mit dem Film machen; mit der sensiblen Geschichte über eine Frau, die ihr Vergewaltigungsgeheimnis verzweifelt vor der pubertierenden, scheinbar vaterlosen Tochter bewahren will. Etwa im bosnisch-kroatischen Landesteil von Bosnien-Herzegowina: Nach der umjubelten Premiere vor 4500 Zuschauern in der Hauptstadt Sarajevo läuft „Grbavica“ seit Anfang März in den Kinos – und hat mit nur zwölf Kopien in zwei Wochen sensationell 100 000 Zuschauer ins Kino gelockt. Und laut dem bosnischen Verleiher Amer Becirbegovic sind bis Mitte April nochmal 100 000 Zuschauer drin.

Es gibt also Hoffnung – sogar in Milosevics Kernland Serbien-Montenegro, in dem die Opposition traditionell stark ist. Da mag der Belgrader „Kurir“ die Serbin Mirjana Karanovic, die die Mutter Esma spielt, noch so sehr als „Hochverräterin“ schmähen; die Verhandlungen mit einigen Verleihern laufen vielversprechend. Weltweit ist „Grbavica“ mittlerweile – auch wegen des Berlinale-Erfolgs – in 20 Länder verkauft. In Deutschland bringt ihn Ventura Anfang Juli ins Kino. Still-sanfter Titel: „Esmas Geheimnis“.

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