Jay-Z und sein Album "4:44" : Vom König zum Klassiker

Verlässlich, geschmackvoll, gut: Auf seinem Album „4:44“ erzählt Jay-Z einmal mehr die Urgeschichte des Raps und informiert über das Neueste aus seiner Ehe mit Beyoncé.

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Der US-Rapper Jay-Z
Der US-Rapper Jay-ZFoto: Imago

Auf den Rapstar und Groß-Unternehmer Jay-Z ist Verlass. Wenn er wochenlang im Internet oder auf riesigen Plakaten und Bus-Werbebannern in New York oder Los Angeles ankündigt, dass sein neues Album am Freitag, den 30. Juni erscheint, dann passiert genau das. Da gibt es keine Verzögerungen oder plötzliche ÜberNacht-Aktionen Tage vor diesem Termin. Was seinen schlichten Grund darin hat, dass Jay-Z den eigenen Streamingdienst attraktiver machen will. Denn „4:44“, wie das Album heißt, erscheint zumindest an diesem Veröffentlichungsfreitag noch „exclusivly on Tidal“, und so muss für Tidal-Kunden und solche, die es werden wollen und sollen, Verlässlichkeit Trumpf sein.

Eine Überraschung gibt es gleich bei der ersten Draufsicht oder beim Runterladen: „4:44“, dieses offiziell dreizehnte Album Jay-Zs nach seinem Debüt „Reasonable Doubt“ von 1996, enthält gerade einmal zehn Songs und dauert keine vierzig Minuten. Das ist in Zeiten, in denen nicht zuletzt die Masse an Songs ordentlich Klickraten und damit Einnahmen bei den Streamingdiensten bringt, ungewöhnlich, zumal für ein Rap-Album. Doch natürlich hat es Jay-Z zum einen nicht nötig, schließlich ist er der Chef vom Ganzen, außerdem wird das Album vom US-Kommunikationsriesen Sprint mitbeworben, als Auftakt einer Partnerschaft zwischen Tidal und Sprint. Ja, Hip-Hop ist immer big business. Andererseits scheint Jay-Z sich musikalisch, inhaltlich und stimmungsmäßig an die großen Soul-Men der siebziger Jahre lehnen zu wollen, an Marvin Gaye, Curtis Mayfield oder Sly Stone, an deren, klar, zunächst nur auf Vinyl veröffentlichte Meisterwerke, die alle gerade einmal zwischen sechs und zwölf Songs enthalten. Und zu einem Klassiker schafft es ein Album mit weit über zwanzig Stücken in der Regel nicht.

Diesen Klassiker scheint Jay-Z mit dem ausschließlich von seinem Def-Jam-Kumpel produzierten No-ID-Album „4:44“ jedoch im Sinn zu haben. Er ist der König, der neue Pate des Genres, Freund von Obama (der gerade anlässlich der Aufnahme Jay-Zs in die Ruhmeshalle der Songwriter die Laudatio auf ihn hielt), vielleicht der berühmteste Rapstar zur Zeit, selbst wenn er schon lange nicht mehr der innovativste ist. Wenn man so will, qua Größe und Ruhm: das Gewissen der schwarzen Nation in den Staaten.

Träume von früher

Als solches rappt er, stets ein bisschen unrund, mit rau-gequetschter Stimme in „Moonlight“ die Zeilen „We stuck in La La Land/Even when we win, we gonna loose“, in Anspielung auf das Durcheinander bei der letzten Oscar-Verleihung, als der Film „Moonlight“ nur ein paar Minuten der Sieger der Herzen war, unter Verwendung eines Samples aus der Fugees-Hymne „Fu-Gee-La“. Oder er skandiert „Light nigga, dark nigga, faux nigga, real nigga /Rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga/Still nigga, still nigga“, um danach zu demonstrieren, was er für ein toller Geschäftsmann ist, basierend auf Nina Simones „Four Women“.

Jay-Z beklagt die Kämpfe innerhalb der Community, erinnert sich seiner Träume von früher, als er auf den Straßen von „Old Brooklyn“ noch Drogen verkaufte und das Herz von Gotham City laut schlagen hörte, und beendet das Album mit „Legacy“, einem kurzen, von Bläsern dominierten Dreiminüter, dabei die eigene Vergangenheit, die Trump-Gegenwart und die Urgeschichte des Raps miteinander verknüpfend. Wie es sich gehört, man kennt das vom letzten Beyoncé-Album „Lemonade“, ist „4:44“ auch eine Art Familienalbum, inklusive selbst verordneter Paartherapie. Mit dabei sind Töchterchen Blue-Ivy, die Papi in eben jenem „Legacy“ fragt: „Daddy, what’s a will?“, Mutter Gloria in „Smile“ und eben Beyoncé, die zu „Family Feud“ Vocals beisteuert. Und bei der Jay-Z sich im Titeltrack „4:44“ wortreich schmachtend für viele seiner Fehltritte entschuldigt, schließlich ist Beyoncé gerade erst von Zwillingen entbunden worden. Der Familienstoff geht also nicht aus.

Das wirkt aufdringlich, hat Soap-Charakter, schmälert die Leistung dieses insgesamt zurückgenommenen, entspannten und ja: geschmackvollen, überdies Frank Ocean und Damian Marley großartige Gastauftritte einräumenden Albums keineswegs. Könnte wirklich dereinst ein Klassiker werden.

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