• „Jazz at Berlin Philharmonic“ im Kammermusiksaal: Flamenco trifft Jazz trifft Kuba

„Jazz at Berlin Philharmonic“ im Kammermusiksaal : Flamenco trifft Jazz trifft Kuba

Flamenco plus Jazz, dazu viel Sehnsucht nach Kuba: ein mitreißender Abend im Kammermusiksaal.

Roman Rhode

Sigi Loch, Kurator der Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ und Chef des deutschen Jazzlabels ACT, spricht von drei Welten, die sich im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie begegnen sollen: Flamenco, Jazz und Kuba. Bereits vor 22 Jahren hatte Loch Spitzenmusiker wie Michael Brecker und Al Di Meola mit spanischen Instrumentalisten und der WDR-Bigband zusammentreffen lassen. Dieses preisgekrönte Projekt – „Jazzpaña“ – führte er sechs Jahre später erfolgreich in kleinerer Besetzung fort, unter der Leitung des Flamenco-Gitarristen Gerardo Núñez und des Flamenco-Pianisten Chano Domínguez.

Die beiden andalusischen Musiker geben auch an diesem Abend den Ton unter den versammelten ACT-Stars an. Núñez, ein virtuoser Exponent des Flamenco Nuevo, lässt seine Gitarre wie ein kleines Orchester klingen, er entfaltet einen schier unerschöpflichen Reichtum an Harmonien und Melodien. Der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius, ein eher kühler Meister des Fingerpicking, liefert sich ein spritziges Duell mit dem Spanier und wird von diesem in ungeahnte Skalen entführt. Die Brücke über den Atlantik schlägt der kubanische Pianist Ramón Valle. Er interpretiert den kreolischen Komponisten Ernesto Lecuona, der auf der Zuckerinsel von der Magie Andalusiens träumte.

Neset, die Offenbarung des Abends, erinnert an Miles Davis

Nicht von ungefähr: Bereits vor 150 Jahren floss das Liedgut aus Hispanoamerika in den Flamenco ein. So erzählte der Sänger Pepe el de la Matrona, wie er 1914 nach Havanna zum Kaffeetrinken gefahren war und auf seiner Rückfahrt nach Sevilla die Rumba im Gepäck hatte. Ramón Valle allerdings klingt weder nach Flamenco, noch hängt er der afrokubanischen Tradition nach. Lecuonas schwermütige Lieder verwandelt er in diffizile, äußerst flink gespielte kubistische Lyrik. Zu Valles Trio, zu dem Bassist Omar Rodríguez sowie der furiose Schlagzeuger Líber Torriente gehören, gesellt sich der junge norwegische Saxofonist Marius Neset mit seinem glasklaren, geläuterten Sound. Neset ist vielleicht die Offenbarung an diesem Abend. Sein facettenreiches, wendiges und tiefgründiges Spiel im Duo mit Chano Domínguez erinnert an Miles Davis, der 1960 in „Sketches of Spain“ den Flamenco mit seiner Trompete erforscht hatte.

Auf diesen Meilenstein der Flamenco-Fusion nehmen die Musiker Bezug, ebenso wie auf das 1976 von Chick Corea veröffentlichte Album „My Spanish Heart“. Valle und Domínguez, die sich an ihren Flügeln gegenübersitzen, erweisen ihm eine fröhliche, augenzwinkernde Ehre. Am stärksten erweisen sich die Instrumentalisten jedoch im Ensemble. Und das, obwohl sie sich erst einen Tag vor dem Konzert getroffen hatten.

Parallelen im Feeling

Oder gerade deshalb. Gerardo Núñez sagte einmal: „Ich sehe kaum Berührungspunkte zwischen Jazz und Flamenco. Harmonisch und rhythmisch bestehen riesige Unterschiede. Nur im Feeling gibt es Parallelen.“ Und diese Lust am gemeinsamen Improvisieren ist es schließlich, die das Publikum von den Sitzen reißt. Die Hommage an Paco de Lucía, dessen Hit „Zyryab“ alle acht in Schwarz gekleideten Musiker zelebrieren, gerät zu einer gewaltigen Fiesta. Chano Domínguez bearbeitet seine Tasten im Stehen, stampft mit den Absätzen und gibt den Rhythmus händeklatschend vor. Die Zuschauer rufen „Olé!“. Sigi Loch hat nicht zu viel versprochen.



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