Jazz : Billie Jean ist frei

Ein 79-jähriger Klangtüftler und Freeform-Saxofonist betritt die Bühne: Jazzlegende Ornette Coleman in Neuhardenberg.

Maxi Sickert

Die Grammatik des Klangs, darum soll es gehen. Unter dem wolkenverhangenen Abendhimmel im Schlosspark von Neuhardenberg liegt die Bühne noch im Dunkel. Es ist lange her, seit Ornette Coleman Berlin so nahe kam, zuletzt mit seiner Prime Time Band beim Jazz-Fest 1995. Nach seiner bereits jetzt als legendär gefeierten zweiwöchigen Londoner Konzertreihe im Juni, unter anderem mit Yoko Onos Plastic Ono Band, ist dieser Auftritt des 79-jährigen Klangtüftlers und Freeform-Saxofonisten schon wieder ein Abschied von Europa.

Um kurz nach neun betritt Ornette Coleman die Bühne, in orangefarbenem Anzug aus Rohseide und schwarzem Smokinghemd, mit seinem weißen Altsaxofon, einer Trompete und einer Geige. Nach dem 11. September 2001 hatte er sich in sein Studio in Harlem zurück gezogen, um an einem neuen Klang zu arbeiten: der Erweiterung oder Umformung des „Hamolodics“-Systems. Gemeinsam mit dem Bassisten Tony Falanga, mit Greg Cohen, ebenfalls Bassist (bei Tom Waits), und seinem Sohn Denardo am Schlagzeug präsentierte Coleman die neue „Sound Grammar“ erstmals in Deutschland, beim Enjoy Jazz Festival 2005 in Ludwigshafen. Das Konzept der Klanggrammatik hat drei unabhängig voneinander operierende Improvisationszentren, die durch eine lineare Melodie wie eine schmale Straße verbunden werden. Für die Live-Aufnahme des Ludwigshafener Konzerts erhielt Coleman den Pulitzer-Preis und danach einen Grammy für sein Lebenswerk.

In etwas modifizierter Besetzung – Cohen wurde durch Prime-Time-Bassist Al McDowell ersetzt – spielen sich Coleman & Co. zunächst mühsam durch die Sound-Grammar-Stücke. Zu glatt ergänzt sich Tony Falangas Spiel mit dem elektrischen Piccolo-Bass von McDowell. Und die nasal nach oben kreisenden Melodielinien Colemans können die in allzu vertrauten Improvisationsmustern verhafteten Musiker während der ersten Konzerthälfte nicht herauslösen.

Erst als Ornette Coleman seinen allzu harmonisch-melodisch agierenden Musikern Brüche entgegensetzt, lockert sich das Gefüge. Bei dem traumwandlerisch tänzerischen „Sleep Talking“ sägt seine Geige gegen den gestrichenen Bass Falangas an. Mit dem Blues „Turnaround“ sampelt sich Coleman selbst. Statt stehender Klänge, die abstrakt wegbrechen, wird sein Spiel vertikal und melodiebetont. Zum Abschluss wagt er eine aufbäumende Free-Jazz-Version von Michael Jacksons „Billie Jean“, gespielt wie ein gefühltes, langsames, ruhiges Solo. Der Umriss des Jazz, zunächst nur schemenhaft am Horizont, ist hier Form geworden. Angekommen ganz bei sich, in natürlicher Schönheit.

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