Jazz : Der Gesang aus dem Keller

Melodien für „Sophisticated Ladies“: eine Begegnung mit dem Jazzbassisten Charlie Haden

Stefan Hentz
Der Mann mit dem knarzigen Ton. Charlie Haden. Foto: Thomas Dorn/Universal
Der Mann mit dem knarzigen Ton. Charlie Haden. Foto: Thomas Dorn/Universal

„Ich bin ständig auf der Suche nach Songs“, sagt Charlie Haden. „Ich habe viele gesammelt, manche habe ich im Kopf, andere liegen in dicken Stapeln in meinem Büro und warten darauf, dass ich eine Gelegenheit finde, sie zu präsentieren.“ So ist es keine Überraschung, dass „Sophisticated Ladies“, die neueste Veröffentlichung von Haden mit seinem Quartet West, Songs und Sängerinnen zum Thema hat: Auf sechs der zwölf Songs des Albums präsentiert er die Stimmen von Norah Jones, Melody Gardot, Diana Krall, Ruth Cameron, Cassandra Wilson und Renee Fleming. Zum gediegenen Westküstensound der Platte hat Pianist Alan Broadbent einen raffiniert konstruierten Streicherhintergrund geliefert. Charlie Haden und seine Frau, die Sängerin und Schauspielerin Ruth Cameron, sitzen gut gelaunt in einem Konferenzraum im Berliner Hotel Adlon und stellen ihr neues Album vor. „Seit wir zusammen sind“, schwärmt Haden, „haben sich unsere Leben so verschlungen, unsere Werte und Lebenseinstellungen: Wir sind immer zusammen und denken genau gleich.“

Für Charlie Haden gibt es nichts Selbstverständlicheres als sich für Songs zu interessieren. Er wurde 1937 in eine musikalische Familie hineingeboren, die auf ihrer Farm im tiefen Hinterwald regelmäßig in Radioshows auftrat. Mutter, Bruder, Schwester – und der kleine Charlie, der mit 22 Monaten zum ersten Mal im Radio sang. Der Gesang bestimmte die Jugend von Haden, und wer genau hinhört, wird das Echo dieser Songs in seinem Spiel auf dem Kontrabass wiederfinden. „Singen ist das, was ich schon immer wollte“, sagt er. „Die Stimme eines Menschen sagt sehr viel über seine Persönlichkeit aus. Ich mag, wenn jemand beim Singen die gleiche Stimme hat wie beim Sprechen.“

Berühmt wurde Haden als Jazzbassist, sehr berühmt, eine Ikone. Er ist ein Überlebender aus der Zeit der großen Umstürze im Jazz, einer Zeit, wo Songs und gesungene Texte eine eher untergeordnete Rolle spielten. Bekannt wurde er, als er Ende der fünfziger Jahre dem legendären Quartett von Ornette Coleman mit seinen kraftvoll brummenden Bässen das Fundament legte. Zunächst ging es nur darum, in der Musik einen Raum zu schaffen, in dem Coleman und der Trompeter Don Cherry als Hauptsolisten des Quartetts ungebunden vom harmonischen Rhythmus ihre melodischen Einfälle entwickeln konnten, weil sie wussten, dass Haden ihre Wendungen nachvollziehen würde. Zuhören können, Verständnis entwickeln für die spontanen Einfälle des anderen, das waren Hadens Schüsselqualifikationen. Als Coleman schließlich das Album „Free Jazz“ einspielte, gab er einer ganzen Jazzepoche das Stichwort.

Ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her, und Haden hat seitdem seinen Teil zur Weiterentwicklung der Kunstform Jazz beigetragen. Die Musealisierung des Jazz war ihm stets zuwider, Musik ist für ihn untrennbar mit Politik verbunden. Als er 1971 mit seinem Liberation Music Orchestra in Lissabon spielte, widmete er ein Stück den Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien. Einen Tag später saß er in Haft und wurde erst nach einigen Schikanen freigelassen. Seit einem Vierteljahrhundert ist das Quartet West der zentrale Stern im musikalischen Kosmos von Charlie Haden. Eine Gang von Freunden im heimischen Los Angeles, die gemeinsame Projekte aushecken.

Ruth Cameron gehört als treibende Kraft von Anfang an dazu, Alan Broadbent und Ernie Watts mit seinem mächtigen Ton auf dem Tenorsaxofon, vor kurzem rückte Rodney Green auf den Hocker hinter dem Schlagzeug, weil Larance Marable aus gesundheitlichen Gründen die Sticks aus der Hand legen musste. Das Quartett funktioniert wie geschmiert, das Saxofonspiel von Ernie Watts und der im tiefen Keller singende Bass von Haden steuern eine melodische Verbindlichkeit bei, die Greens ruhiger Swing und Broadbent mit seinen raffinierten Akkordvoicings auf Kurs halten. „Als die Band gegründet wurde“, erzählt Cameron, „da war klar, alle mögen Harmonien, sie mögen Melodien und irgendwie entsteht daraus ein kinematografischer Sound, bei dem ich immer das Gefühl habe, sie erzählen mir eine Geschichte.“

Die Eleganz ihres Spiel hat dem Quartet West den Vorwurf eingebracht, letztlich nostalgisch an einem alten Soundideal festzuhalten. Das sieht Haden anders. „Wenn du mit deinem Instrument anfängst zu spielen, dann ist in deinem Spiel und in deiner Seele all das parat, was du schon gespielt hast und was du gerade spielst und was du in der Zukunft tun wirst. Ein Wort wie Nostalgie kann so einen Zusammenhang nicht erfassen.“ Lieber misst er sein Streben nach musikalischer Schönheit daran, wie Picasso mit seinem Gemälde „Guernica“ Schönheit in politische Relevanz ummünzte. „Das hat so viele Menschen bewegt. Kunst überdauert die Zeiten, wenn du die Menschen auf vielen Ebenen berührst.“

Es gibt einen Resonanzraum für diese Berührung, „eine Gemeinschaft der schönen Seelen“, wie Ruth Cameron es nennt. „Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen, die Schönheit am Leben zu halten. Wir müssen das Gegengift sein zu all dem Mist, der sonst passiert.“ So wird Schönheit zum politischen Akt. Für Haden besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit des politischen Engagements. „Du weißt vorher nie, wann es soweit ist, dass deine Freiheit in Gefahr ist. Ich fühle mich heute überhaupt nicht sicher, dass es nicht demnächst so weit sein könnte, denn wenn du auf der Straße mehr Bentleys als Fords siehst, musst du dir Sorgen machen.“

„Sophisticated Ladies“ von Charlie Haden ist bei Emarcy/Universal erschienen.

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