Jazz : Die hellsichtige Traumwandlerin

Das Trio rund um die Berliner Jazzpianistin Julia Hülsmann spielt heute im A-Trane sein Album „Imprint“.

Stefan Hentz
Eingespielt. Marc Muellbauer, Julia Hülsmann, Heinrich Köbberling. Foto: V. Beushausen
Eingespielt. Marc Muellbauer, Julia Hülsmann, Heinrich Köbberling. Foto: V. Beushausen

Das Klaviertrio ist schon ein besonderes Ding im Jazz. Die Interaktion von Klavier, das manchmal auch perkussive Aufgaben wahrnimmt, sonor brummendem Kontrabass und Schlagzeug, das bis zum Sirren der Becken das ganze Frequenzband abdeckt, zieht Scharen von Musikern an. Für Klaviertrios ist das ein Problem, denn es tritt leicht Übersättigung ein. Aber es gibt einige, die dabei einen eigenen, wiedererkennbaren Klang entwickeln.

Das Trio der Berliner Pianistin Julia Hülsmann beispielsweise, das gerade sein Album „Imprint“ veröffentlicht hat, ist eine sehr ausgeruhte Version eines Klaviertrios, eher in den spröden Sphären eines Paul Bley beheimatet als bei den Pyrotechnikern der Zunft.

Seit 14 Jahren spielen Hülsmann, der Bassist Marc Muellbauer und Heinrich Köbberling, am Schlagzeug schon zusammen, und den Gewinn der langen Gemeinsamkeit kann man hören: immer dicht beieinander, blendend aufeinander eingespielt, sensibel, reaktionsschnell und konzentriert. Es ist ein Strömen, ein Fließen, das die Musik dieses Trios ausmacht.

Nichts ist hier zu spüren von Nervosität, urbaner Getriebenheit oder dem Ehrgeiz, der so viele Musiker in Hochleistungssportler verwandelt. Keine Posen, kein Furor der Vielstimmigkeit, keine Schaufensterdekorationen. Alles ist gelassen und wirkt, als ergebe es sich aus sich selbst. Wenn man dem Spiel von Julia Hülsmann folgt, dann ist es manchmal, als trüge jeder einzelne Ton an einer Last, eine eigene Geschichte vielleicht, ein Bild mit Schwerpunkten, Farbverläufen, Kontrasten und verborgenen Schichten. Eine Phrase wird in diesem Spiel schnell zu einem Vexierspiel. Schon deshalb kann die Pianistin nicht zu verschwenderisch mit ihren Tönen umgehen, und ihre beiden Mitmusiker unterstützen diesen Geist.

Jede Nuance zählt. Mit sparsamen Bewegungen lässt sich so ein facettenreiches Klangbild erzeugen, in dem nüchterne Untersuchungen von Intervallverhältnissen neben sanften, aber schier unaufhaltsamen Rhythmusmustern stehen, wo man zuhören kann, wie sich eine kleine melodische Idee sanft tastend fortsetzt, Varianten bildet, sich vervielfältigt und den musikalischen Raum füllt. Wie dann ein Motiv auftaucht, überspült wird und in einer neuen rhythmischen Gestalt wieder auftaucht.

„Imprint“ feiert dieses Spiel mit den Anklängen und Bedeutungen, das steckt schon in der Vieldeutigkeit des Titels: „Imprint“, das kann ein Abdruck sein, den eine Musik hinterlässt oder auch ein klassisches Impressum, in dem die Verantwortlichen eines medialen Erzeugnisses genannt werden, oder ein verlegerisches Subunternehmen. Julia Hülsmann, die 1968 in Bonn zur Welt kam und seit 1991 in Berlin zu Hause ist, liebt das Spiel mit Bedeutungen. Das war schon vor acht Jahren auf „Scattering Poems“ (ACT) zu hören, als sie die Gedichte von E. E. Cummings, einem Gründervater der modernen Lyrik Amerikas, vertonte. Das Projekt mit der Sängerin Rebekka Bakken gab ihrer Karriere einen mächtigen Schub. Auch auf „Imprint“ spielt sie wieder mit der Uneindeutigkeit, mit einem Denken, das seine Genauigkeit daraus bezieht, dass es auch seine Assoziationen traumwandlerisch klar artikuliert.

„Imprint“ vom Julia Hülsmann Trio ist bei ECM/Universal erschienen. Konzert: A-Trane, Donnerstag, 3. März, 22 Uhr

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