Jazz : Die Nord-Süd-Achse

Das Jazz-Label Act feiert seinen 20. Geburtstag mit einem Konzert im Berliner Kammermusiksaal. Ein Porträt des Labels und seines legendären und nicht unumstrittenen Gründers Siggi Loch.

Christian Broecking
Durchschlagend. Siggi Loch als knallharter Musikmanager, 1967. Foto: © Archiv Siggi Loch
Durchschlagend. Siggi Loch als knallharter Musikmanager, 1967. Foto: © Archiv Siggi Loch

Im Jahr 2006 bildete die Musikzeitschrift „Down Beat“ zum ersten Mal in ihrer fast 80-jährigen Geschichte eine europäische Jazzband auf ihrem Cover ab. Das schwedische Esbjörn Svensson Trio (E.S.T.) habe mit instrumentalem Jazz in Europa Pop-Status erreicht, hieß es in der Titelstory, nun stehe es kurz davor, den US-Markt zu erobern. Dass das Trio, das beim Münchner Label ACT unter Vertrag stand, mit der Schlagzeile „Europe Invades!“ gezeigt wurde, galt vielen amerikanischen Musikern als Provokation. Denn zu der Zeit stagnierten die Plattenverkäufe, und die Konzerte waren schlecht besucht. Der Saxofonist Branford Marsalis resümierte damals: „Diese Musik ist aus der Erfahrung der Sklaverei entstanden, sie kommt vom Blues, von der schwarzen Kirche. Ich verstehe nicht, dass die Europäer meinen, sie müssten etwas Europäisches in den Jazz mischen. Das erscheint mir hegemonial.“

Esbjörn Svensson konterte: „Wir brauchen die Mainstream-Amerikaner nicht mehr auf den europäischen Festivals – wir haben alles gehört. Die frischen Impulse kommen aus einer anderen Richtung.“ Zwei Jahre später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, starb Svensson mit 44 Jahren bei einem Tauchunfall.

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass der Plattenproduzent Siggi Loch das Label ACT gründete. Der Geburtstag wird mit einer Tour durch deutsche Konzertsäle gefeiert, am heutigen Donnerstagabend spielt im Berliner Kammermusiksaal unter anderem der schwedische Posaunist Nils Landgren, ab kommender Woche findet im A-Trane ein ACT-Clubfestival statt. Damals hatte Loch Svensson über Landgren kennengelernt, der ebenfalls bei ihm unter Vertrag stand. Mit den Schweden wollte Loch zwar kein eigenes Genre begründen, feierte mit Landgren und Svensson aber doch riesige Erfolge. Zeitweilig entstand sogar der Eindruck, als hätten ACT und das Münchner Konkurrenz-Label ECM mit seinen norwegischen Künstlern die skandinavischen Jazzmusiker unter sich aufgeteilt.

Loch hat immer darauf hingewiesen, dass er sich nach einer internationalen Managerkarriere in der Musikbranche mit ACT den Traum von einer eigenen Firma erfüllt habe. Aus der 1989 mit Jim Rakete und Annette Humpe initiierten Firma „ACT Music and Vision“ entstand 1992 das gleichnamige Label. Act – das versteht Loch auch als Handlungsanweisung, sich auf Jazz und World Jazz zu konzentrieren. Kommerz stehe dazu nicht im Widerspruch, meint er: „Erfolgreiche Arbeit bedeutet für mich, musikalisch überzeugend und publikumswirksam zu sein. Der Job ist erst getan, wenn neue Fans für die Künstler gewonnen wurden.“

Lochs Investitionen in Marketing und Produktion übersteigen das Budget kleinerer Konkurrenten um ein Vielfaches. Auch deshalb gelang es ihm, ACT als Markenzeichen durchzusetzen. Wiederholt wurde Loch daher aggressives Marketing vorgeworfen, die Verwunderung über die Selbstverständlichkeit, mit der es ACT-Musiker regelmäßig auf die Titelseiten der Fachpresse schafften, war groß. Mittlerweile ist ACT eins der letzten deutschen Jazz-Labels, das noch über ein nennenswertes Werbebudget verfügt und auch bereit ist, es einzusetzen.

Jahrelang hat Loch hinter den Kulissen Verbandsarbeit betrieben, bis es 2010 zur ersten „ECHO Jazz“-Verleihung kam. Bei der Veranstaltung der deutschen Jazz-Industriellen ist Loch selbst Juror, ACT ging aus den letzten Wettbewerben jeweils als „Label des Jahres“ hervor.

Mittlerweile ist Loch 71 und lebt in Berlin, seine Firma beließ er in München. Er hat zwar die Berliner Bands Der Rote Bereich und Jazz Indeed, den Pianisten Michael Wollny und den Saxofonisten Daniel Erdmann produziert. Doch glaubt er an einen Neuanfang des deutschen Jazz in Berlin? Loch ist skeptisch, an der Berliner Szene bemängelt er das Missverhältnis zwischen künstlerischer Substanz und regionaler Öffentlichkeit. Es gebe in Berlin einfach zu wenig Clubs, in München hätten ACT-Künstler Radio-Unterstützung beim Bayerischen Rundfunk, und zu einer ACT-Nacht seien in Berlin 50, zum gleichen Programm in München aber 250 Besucher gekommen. „Geschäftlich hat Berlin für ACT keine Bedeutung.“ Zu den Hauptstadtjublern gehört der Mann nicht.

Bei der „ACT Jubilee Night“ treten heute, am 2. Februar, u. a. Nils Landgren, Cæcilie Norby und Michael Wollny im Kammermusiksaal auf, 20 Uhr. Im A-Trane spielen beim ACT-Clubfestival „piano piano“ vom 7. bis 11. Februar u.a. Leszek Mozdzer und Yaron Herman.

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