Jazz : Lied der Söhne

Heute beginnt das Berliner Jazzfest mit einer Hommage an das weltberühmte Label Blue Note.

Gregor Dotzauer
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Furioser Spielwitz. Der Pianist Horace Silver 1958.Foto: Francis Wolff

Vielleicht steckte schon in Louis Armstrongs erstem Trompetenkiekser, der noch fern vom Mississippi herüberweht, die ganze Kraft des Jazz. Ihre wahre Freiheit begann diese Musik aber wohl erst zu erobern, als sie in den Äthern des Bebop fliegen lernte. Auch die folgende Hardbop-Ära, als deren Inbegriff bis heute die Aufnahmen von Alfred Lions Label Blue Note aus den fünfziger Jahren und der ersten Hälfte der Sechziger gelten, hat sie sich nur in dem Maß genommen, wie es ihr historisch möglich war.

Wenn man jedoch eine Idee davon bekommen will, was Jazz ausmacht, nachdem alle festen Formen in explosiven Improvisationen geschreddert, in postmodernen Mutationen collagiert, gesamplet ausgespuckt und mit einer oft trügerisch traditionalistischen Unschuld neu belebt worden sind, dann ist Blue Note noch immer eine vertrauenswürdige Adresse.

Sie ist es auch siebzig Jahre nach der Gründung des 1985 unter Bruce Lundvall wiedererstandenen Labels – ein Jubiläum, das das Berliner Jazzfest zum Anlass nimmt, um der Legende vom heutigen Mittwoch bis zum kommenden Sonntag eine aus dem aktuellen Musikerkatalog zusammengesetzte Hommage zu widmen. Denn die großen Legenden aus der Zeit von Alfred Lion, eben noch Teil unserer Gegenwart, sind zumeist verstummt: Max Roach und Andrew Hill starben 2007, Johnny Griffin und Freddie Hubbard erst im vergangenen Jahr. Und der Pianist Horace Silver, der mit seinem Album „Song for my Father“ Blue Notes Ruf ins breite Publikum trug, ist mit 81 Jahren so wacklig beieinander, dass seinen Part beim Tribute-Konzert der NDR-Bigband am Samstag (Haus der Berliner Festspiele, 20 Uhr) Jacky Terrasson übernimmt – mit 44 Jahren ein Musiker, der Jazz nicht mehr als Fortschrittsgeschichte lesen kann, Silver an furiosem Spielwitz aber ebenbürtig und an Geläufigkeit bei Weitem überlegen ist.

Ein Höhepunkt am gleichen Abend der Auftritt von Hank Jones, der mit 91 Jahren am Klavier seines Trios Standards immer noch alterslos aufblühen lassen kann und mit Tenorsaxofonist Joe Lovano einen Gast hat, der einen nachcoltraneschen Personalstil jenseits von Klassizismus und Avantgarde geschaffen hat. Kein Grund, besseren Zeiten nachzuweinen – auch das heutige Eröffnungskonzert mit dem Trio des aus dem westafrikanischen Benin stammenden Gitarristen Lionel Loueke und Terence Blanchards Requiem „A Tale of God’s Will“ für die Opfer des Hurrikans Katrina (HdBF, 19 Uhr) beweist Blue Notes aktuelle Klasse. Fragwürdig ist nur, wie sehr das Label eine Kontinuität behauptet, deren Brüche offensichtlich sind.

Über den Label-Mythos ist seit Julian Benedikts Filmdokumentation „Blue Note – A Story of Modern Jazz“ von 1997 alles gesagt. Er lebt als Selbstläufer fort. Die preiswerten Wiederveröffentlichungen in der Edition des Toningenieurs Rudy Van Gelder sind Stapelware, die Erinnerungsbände mit Reid Miles’ Coverkunst Coffeetable-Books. Das unmittelbar Auratische von Francis Wolffs schwarz-weißen Rolleiflex-Fotos aus dem abgedunkelten Aufnahmestudio, meist stark untersichtig und durch einen Handblitz mit starken Kontrasten, ist aber immer wieder ein Erlebnis. Unter dem Motto „It must schwing“ des gebürtigen Berliners Alfred Lion kann man ihm in einer Ausstellung des Jüdischen Museums mit iPod-Musik noch bis zum 7. Februar nächsten Jahres nachgehen. Die einer ähnlichen Ästhetik gehorchenden Porträts von Jimmy Katz fallen dagegen deutlich ab. Das alles ist kein Programm, mit dem das von Nils Landgren verantwortete Jazzfest den aktuellen Standort einer Musik bestimmen könnte, wie ihn früher die Jazztage vermaßen. Doch es versammelt Musiker von Weltrang – weit über Blue Notes Schwing hinaus.

Das Programm: www.jazzfest-berlin.de

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