Kultur : Jazz: Nicht vom Himmel

Roman Rhode

Zwei Silben, ein Trio: Azul, der Name der Band um den portugiesischen Bassisten Carlos Bica, bedeutet "Blau". Ob sich dahinter stiller Blues oder die Schattierungen des stürmischen Meeres verbergen, bleibt jedoch so offen wie der Himmel. Statt schlüssige Erklärungen zu liefern, bricht das Trio in der Werkstatt der Kulturen lieber mit gängigen Hörgewohnheiten und setzt etablierte Grenzen außer Kraft. So bringt Bica den Kontrabass nicht nur zum Swingen, sondern auch zum Singen: Mit der Haarbahn des Bogens streicht er über die Saiten seines Instruments und lässt die melodische Melancholie des Fado anklingen. Frank Möbus an der E-Gitarre verkörpert den Gegenpart dazu, Bicas Spiel kommentiert er in zartem Pizzicato. Hinter den beiden klöppelt Eric Schaefer sanft auf Becken und Trommelränder. Doch urplötzlich kann diese Andacht explodieren: Bica greift kraftvoll in die Saiten, das Drumset erzittert, und Möbus rast mit dem Plektron wie über die Drähte einer Hochspannungsleitung. "What Have They Done To My Song, Ma?" - Melanies larmoyante Frage von ehedem gerät nicht nur zu einer launischen Cover-Version, sondern beschreibt zugleich das Programm von Azul: ein musikalisches Vexierbild aus lärmender Stille, unbeschwerter Garagenband-Ironie und Jazz im harmonischen Noise-Gewand. Spätestens nach der wunderbaren Dekonstruktion des Jazz-Klassikers "Tea For Two" wird klar, was Azul noch bedeuten könnte: die Transparenz der Leere. Denn das Trio bricht den Klang wie ein Diamant das Licht.

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