Jazz-Reihe "Serious Series" : Spiel mit dem Ernst

Jazz als Haltung: Die „Serious Series“ in den Uferstudios bringen Musiker verschiedener Stile und Ansätze zusammen. Ein Treffen mit den Machern.

Tobias Richtsteig
Saxofonist Uli Kempendorf (l.) hat die „Serious Series“ vor fünf Jahren gegründet. Jetzt kuratieren die Harfenistin Kathrin Pechlof und der Saxofonisten Christian Weidner die Reihe.
Saxofonist Uli Kempendorf (l.) hat die „Serious Series“ vor fünf Jahren gegründet. Jetzt kuratieren die Harfenistin Kathrin...Foto: Fabiana Zander Repetto

In drei, vier großen Schritten eilt Michael Abramovich zum Flügel und schlägt, noch bevor er auf dem Klavierhocker angekommen ist, den ersten Basston an. Der Pianist spielt Bach: Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier, zweiter Teil. Eine Stunde dauert die Tour de Force durch den Kontrapunkt- Kosmos. Hier lässt Abramovich die Fugen-Themen stolz wie barocke Fürsten auftreten, dort streichelt er die Harmonien, als träume er sich durch ein romantisches Prelude. Nur, dass er nicht auf der Bühne eines Kammermusiksaals sitzt, sondern in der gekachelten Senke im Weddinger Uferstudio 1. An anderen Abenden ist hier Tanz und Performance zu sehen, vor Jahren diente der Klinkerbau mit Montagegrube noch der BVG als Wartungshalle. Im September begannen hier die dreiteiligen „Serious Series: Konzertreihe für improvisierte Musik & Jazz“.

Vor dem klassischen Pianisten Abramovich hatte der Improvisator Achim Kaufmann am Flügel gesessen und aus der Stille heraus einen Dialog mit dem Altsaxofonisten Michael Moore begonnen: Nur zart schienen seine schwebenden Hände die Klaviatur zu berühren und Moore antwortete mit heiseren Klängen, kaum war der volle Ton seines Saxofons zu hören. Doch bei aller spielerischen Vorsicht: Wie das Duo melodische Einfälle zu kompakten Formen gestaltete, war greifbar.

Auf die Idee, diesem „instant composing“ eine Auseinandersetzung mit jahrhundertealten Kompositionen gegenüberzustellen, waren Kathrin Pechlof und Christian Weidner, die beiden Kuratoren der „Serious Series“, eher zufällig gekommen. Freunde hatten sie zu einem von Abramovichs Chopin-Abenden eingeladen. „Ich fand es radikal, wie er spielte“ erzählt Harfenistin Pechlof. „Das hatte eine Haltung, wie sie auch im Jazz wohnt. Ich fand es sehr inspirierend, wie viel Freiheiten er sich im Umgang mit den Noten nimmt.“ Eine Inspiration, die sich im Untertitel des Serious-Series-Programms wiederfindet: „Korrelationen“. „Das ist natürlich ein schillerndes, kompliziertes Wort“ räumt Weidner ein. „Eigentlich ist es doch so, dass da zwei unvereinbare Dinge nebeneinanderstehen, und man merkt: die kommen miteinander klar, das Fremde ist plötzlich nah.“

Er berichtet auch von einem Hausmusikabend in den nuller Jahren im Ballhaus Mitte, wo er selbst mit einer Hardbop- Band auftrat, neben einem Tango-Duo, einem Liedermacher und einem freien Improvisations-Ensemble. „Das ging von 18 Uhr abends bis in die Puppen und der Laden war supervoll, weil jeder sein eigenes Publikum mitbrachte. Und gerade dieses Integrative, das Beisammensein all dieser verschiedenen Leute, ohne sich nach den jeweiligen Etiketten oder Szenen zu sortieren, das war für mich das Entscheidende.“

Kathrin Pechlof findet die Berliner Jazz-Szene außerordentlich lebendig

Christian Weidner, der sich heute als Saxofonist mit internationaler Strahlkraft etabliert hat, kam 1999 nach Berlin. Zuvor hatte er in Hamburg studiert, „dort gab es tolle Improvisations-Workshops“, war dann nach Stockholm gewechselt. „Nach einem Jahr war klar: In der Stadt, in der ich leben will, muss es mehr kochen. Berlin bot sich da als Labor an.“ Und er fügt lachend hinzu „Heute hab ich eine kleine Tochter, da muss ich um zehn im Bett sein.“ Auch Kathrin Pechlof findet, dass Berlin in Sachen Jazz außerordentlich lebendig ist. „Es ist schon ein anderer Vibe hier.“ Als gebürtige Münchnerin war sie nach Studium und einer ersten Karriere als Harfenistin in klassischer und zeitgenössischer Musik zunächst nach Köln gekommen, um Jazz zu studieren. „Da ist die Szene extrem familiär. Hier sind es viel mehr Leute. Und viele gehen nach ein, zwei Jahren wieder weg, dann ergibt sich wieder was Neues.“

Aber nicht nur die Musik verbindet Kathrin Pechlof und Christian Weidner. Sie sind ein Paar und leben zusammen mit der Tochter im Erdgeschoss einer Pankower Villa. Mit dem Auto kann man direkt heranfahren, um die Harfe mit ihren 45 Kilo einzuladen. „Wir haben auf die Anzeige geantwortet, dass wir zwei freiberufliche Musiker sind. Und als wir zur Besichtigung kamen, hatten die Vermieter uns schon gegoogelt und fanden total gut, was wir machen. Das war bei anderen Wohnungen auch anders.“ Die erschwingliche Miete ist ein weiterer Pluspunkt.

Tenorsaxofonist Uli Kempendorff hat die Reihe vor fünf Jahren gegründet

Elterngeld zu beantragen lohnt sich für die Freiberufler nicht wirklich, denn die wenigen Auftritte, die sie wahrnehmen können, würden von den Zahlungen abgezogen. Dabei sind Konzerte für die jungen Musiker und Eltern gut machbar. „Da muss man halt jemanden anrufen, der mitkommt. Aber der Alltag ist ein ziemlicher Eiertanz geworden, wenn ich nicht regelmäßig zum Üben komme, fehlt mir das.“

Trotzdem haben die beiden vor drei Jahren die künstlerische Leitung der „Serious Series“ von Uli Kempendorff übernommen. Der Tenorsaxofonist hatte die Reihe 2010 ins Leben gerufen, damals noch im Kreuzberger Senatsreservenspeicher, wo auch der Titel „Serious Series“ entstand. „Der Christian sagte neulich“, erläutert Kempendorff das Wortspiel: „Wenn man spielt, dann geht es um Leben und Tod! Gleichzeitig sollte man sich nicht zu ernst nehmen. Es ist immer noch: Musik.“ Dem hoch gesteckten Anspruch gehen die „Serious Series“ auch an diesem Dienstag nach, wenn beim dritten Abend der Reihe wieder bemerkenswerte Begegnungen auf dem Programm stehen. Das Kopenhagener Trio Eggs laid by Tigers etwa: drei Jazzmusiker, die Dylan Thomas’ vollmundige Poesie als zarte Folk-Songs vortragen werden. Oder das Klangkunst-Duo der norwegischen Akkordeonistin Camilla Barratt-Due mit der kolumbianischen Gitarristin und Laptop-Künstlerin Alexandra Cárdenas – und schließlich das Berlin-Debüt der Thüringer Chanteuse Pegelia Gold, deren Band Les Polychromes mit Saxofon, Cello und Akkordeon einen rustikalen Tom-Waits- Sound mit versponnenen Erzählungen à la Björk verbindet.

Konzert: 6.10., 19 Uhr, Uferstudios, Badstraße 41 a (Tor 1). Alben: Kathrin Pechlof: „Imaginarium“, Christian Weidner: „Dream Boogie“ beide sind bei Pirouet Records erschienen.

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