Jazz-Sänger José James im Interview : Nie wieder „Singin’ in the Rain“!

Der Jazz-Sänger José James spricht im Interview über sein neues Album „While You Were Sleeping“, das Label Blue Note und die Bedeutung von Schlaf.

Jakob Buhre, Hannah Steinhoff
Neue Stimme. José James lebt in Brooklyn, New York.
Neue Stimme. José James lebt in Brooklyn, New York.Foto: Janette Beckman/Universal

José James gehört zu den aufstrebenden Jazz-Sängern der letzten Jahre. 1978 in Minneapolis geboren, arbeitete James mit dem Trio von McCoy Tyner zusammen und veröffentlichte Alben auf den Traditionslabels Verve und Blue Note. Gerade erschien die CD „While You Were Sleeping“, auf der sein sanfter Bariton eine interessante Symbiose mit Hip-Hop-Beats, R’n’B und Indie-Rock-Klängen eingeht.

Mister James, draußen regnet es gerade in Strömen. Was müsste passieren, damit Sie „Singin’ in the Rain“ interpretieren?
Das würde ich nicht machen.

Warum nicht?
Weil das ein Klassiker ist. Die Szene im Film ist einer der besten Momente der Filmgeschichte. Warum sollte man so etwas Perfektes anrühren? Egal, wie man es macht, es wird niemals an das Original herankommen. Was soll das bringen?

Es gibt immer noch viele Sänger, die etwa Gershwins „Summertime“ aufnehmen.
Und das ist grauenvoll! Niemand braucht „Summertime“ noch mal aufzunehmen. Lasst es einfach! Niemand wird es wieder so gut machen wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday oder Sarah Vaughan. Damals hat es den Menschen wirklich noch etwas bedeutet. Heute ist es nur noch Nostalgie.

Das heißt, wenn Sie einen Song aufnehmen, der in den 30ern, 40ern oder 50ern geschrieben wurde, geschieht das aus einer Nostalgie heraus?
Also, mein Jazz-Standard-Album „For All We Know“ war eigentlich gar nicht zur Veröffentlichung gedacht. Das war nur zum Spaß. Mir persönlich hat es etwas bedeutet, aber ich erwarte nicht, dass es irgendjemand anderem ähnlich geht. Das ist so eine Nischensache, zum Beispiel ist meine Version von „Simply Beautiful“ nicht so gut wie das Original von Al Green. Aber sie bedeutet mir etwas.
Sie sind heute bei dem legendären Label Blue Note unter Vertrag. Haben Sie alte Blue-Note-Platten zu Hause?
Ja, auf jeden Fall. In meiner Schulzeit waren das die Platten, die ich gehört habe, neben Hip-Hop und Rock. Thelonious Monk, Miles Davis, John Coltrane, Horace Silver, Art Blakey – der ganze Katalog ist fantastisch.

Haben die heutigen Blue-Note-Veröffentlichungen noch etwas gemeinsam mit den alten Aufnahmen?
Ja, zum Beispiel Dinge wie Innovation oder Gemeinschaft. Das, was der Blue-Note-Chef Don Was heute versucht, hat viel mit der Vergangenheit des Labels zu tun. Zum Beispiel nimmt er Sidemen unter Vertrag, meinen Trompeter Takuya Kuroda oder Robert Glaspers Bassisten Derrick Hodge.

Offenbar muss man bei einer Blue-Note-Veröffentlichung heute auch mit E-Gitarren rechnen, so wie bei Ihrem neuen Album „While You Were Sleeping“. Hat man heute mehr Freiheiten?
Ich denke schon. Blue Note ist zwar als Jazz-Label bekannt und es hat einen Jazz-Katalog. Aber wenn man sich die Sachen aus den 60ern und 70ern anhört, war das schon etwas ganz anderes. Blue Note ist kein wirkliches Jazz-Label mehr seit den 90ern, seit Norah Jones, es hat jetzt ein viel breiteres Spektrum.

Sie haben aktuelle Musiker wie Flying Lotus oder James Blake mit Jazz-Helden wie Duke Ellington und Thelonious Monk verglichen. Wo sehen Sie die Verbindungen?
Flying Lotus schreibt seine Musik und führt sie auf. Das ist die Verbindung zu jemandem wie Duke Ellington, denn die Musik kann sich bei jeder Show ändern. Ich sehe Flying Lotus definitiv in dieser Linie, er ist ein direkter Nachfahre dieser Tradition von Musik und Komposition.

Das heißt, jemand wie Flying Lotus macht Jazz, nur mit einem anderen Instrument, dem Computer?
Ich würde es nicht Jazz nennen. Duke Ellington hat ja auch aufgehört, diesen Begriff für seine Musik zu verwenden. Ich denke, es ist einfach Komposition, basierend auf einer kulturellen Erfahrung, die diese Musiker gemeinsam haben.

Kann man Jazz spielen, ohne die Jazz-Geschichte zu kennen?
Ja, absolut. Ich weiß nicht, ob es gut wird (lacht), aber man kann’s versuchen. Man kann auch ein Hip-Hop-Album machen, ohne etwas über Hip-Hop zu wissen – und es wird wahrscheinlich schrecklich. Das ist doch generell so: Je mehr man über das weiß, was man tut, desto besser wird es. Kann man Nudeln zubereiten, ohne über Nudeln Bescheid zu wissen?

Doch vielleicht gilt dieser Grundsatz für Jazz mehr als für andere Musikrichtungen.
Das denke ich nicht. Ich finde es grundsätzlich gut, die Geschichte dessen zu kennen, womit du dich beschäftigst. Ein Problem, dass ich bei vielen Jazzmusikern heute sehe, ist, dass sie die Fähigkeit verloren haben, ihre Musik mit den Menschen zu verbinden. Es ist eine kleine Gemeinschaft, die eigentlich nur noch für Musiker spielt.

Sie waren ein Jahr auf der New School for Jazz and Contemporary Music in New York. Was haben Sie dort gelernt?
Nicht besonders viel, ehrlich gesagt. Nichts gegen die großartigen Lehrer dort, aber die meisten Leute gehen da nur wegen der Kontakte hin. Ich glaube auch nicht wirklich, dass man Jazz lehren kann. Man kann Theorie unterrichten und vielleicht ein paar technische Dinge. Aber das Beste ist, einfach zu spielen.

Wie haben Sie Ihre Stimme geschult?
Ich habe während meiner Schulzeit Unterricht bei einem Lehrer für Operngesang genommen. Weil ich denke, dass die klassische Technik für jeden Musiker die beste ist. Auch jeder gute Jazz-Pianist, den ich kenne, hat die klassische Klaviertechnik gelernt. Ansonsten haben mich die vielen Shows geschult.

Wie sorgen Sie für Ihre Stimme?
Ich trinke Tee, keinen Alkohol, ich rauche nicht, esse gut, vermeide Milchprodukte, mache jeden Tag Aufwärmübungen, schlafe so viel ich kann … Wenn du müde bist, ist deine Stimme müde. Ich habe früher getrunken und geraucht, und man fühlt, was es mit einem macht. Es gibt einen Punkt, an dem man das als Berufsmusiker ernst nehmen muss. Ich will singen, bis ich 80 bin, wenn ich kann.

Das Gespräch führten Jakob Buhre und Hannah Steinhoff.

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